Interreligiöser Projekttag an der Konrad-Adenauer-Schule in Seligenstadt

 

Ein Dienstagvormittag im Mai 2010: In Gewänder gehüllte Gestalten sind in der Aula der Grundschule unterwegs.

»Ach, ist heute wieder der Tag mit den Religionen?« fragt ein Mädchen, das durch die offene Tür sieht.

Zum vierten Mal gibt es den Projekttag »Christentum – Islam« für die dritten Klassen der Konrad-Adenauer-Schule im Norden Seligenstadts.

250 Kinder besuchen die Schule, viele davon leben im Seligenstädter Stadtteil Niederfeld, in dem rund 35 % der Bewohnerinnen und Bewohner einen Migrationshintergrund haben.

Die Idee zu dem Projekttag hatten die Gemeindereferentin Gabi Laist-Kerber von der katholischen Pfarrgemeinde St. Marien und Claus Ost, Gemeindepädagoge der Evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen. Dritter im Bunde und die prägende Figur der Veranstaltung ist Yilmaz Memisoglu, der den Islam vertritt. Memisoglu ist vielfach aktiv, zum Beispiel als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in Hessen. Mit seinen weißen Haaren und dem Bart verkörpert er den Stammvater Abraham beziehungsweise Ibrahim, wie er im Koran heißt.

An der Durchführung des Projekts, das die zweite bis fünfte Schulstunde umfasst, sind alle Religionslehrerinnen der Grundschule beteiligt, ebenso die Lehrerin für türkischen muttersprachlichen Unterricht.

Zum Beginn im Jahr 2007 gab es einen intensiven Vorbereitungsprozess: »Sollen wir wirklich die Geschichte mit der Opferung des Sohnes nehmen?« fragte die evangelische Religionslehrerin skeptisch. Yilmaz Memisoglu konnte überzeugen: Die Geschichte ist der Hintergrund des Opferfestes, des höchsten islamischen Festes.

Und: Sie steht in der Bibel und im Koran – mit dem Unterschied, dass in der biblischen Fassung der von Abrahams Frau Sarah geborene Sohn geopfert werden soll, während in der muslimischen Überlieferung Ismael, Sohn von Sarahs Dienerin Hagar, diese Rolle spielt.

Um 8.35 Uhr beginnt die zweite Stunde, die rund 60 Schülerinnen und Schüler dürfen am Eingang der Aula ein farbiges Kärtchen mit dem Symbol ihrer Religion – Kreuz oder Halbmond – ziehen.
Die Farbe bestimmt später die Gruppenzugehörigkeit für die Stationenarbeit.

Die Lehrerinnen in langen Gewändern helfen dabei, ein Kopftuch aufzusetzen, das von einer Kordel gehalten wird. Die Schultaschen werden alle in einer Ecke gelagert, Teppichstücke laden zum Sitzen auf dem Boden ein. Alle sind im Nomadenlager in der Wüste, der Herkunftsgegend der Religionen, angekommen und grüßen sich gegenseitig mit Salaam aleikum – Friede sei mit Dir – U aleikum assalaam – und der Friede mit dir!

Mit der Frage »Habt ihr Geschwister?« beginnt Yilmaz Memisoglu seine Erzählung vom Aufbruch Abrahams und der lange verheißenen Geburt der beiden Söhne Isaak und Ismael, der beiden Brüder, die die Israeliten und die Araber repräsentieren. Dass Brüder sich nicht immer gut verstehen, kennen die Kinder aus ihrem Alltag. Die Geschichte bildet die Grundlage, sich in den folgenden 80 Minuten näher mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Christentum und Islam zu beschäftigen.

Gebetshaltungen, Feste, Gebäude (Kirche und Moschee), Heilige Bücher (Bibel und Koran) sind die Überschriften der Stationen, die in kleinen Gruppen für jeweils 20 Minuten besucht werden. Immer geht es darum, nach einigen Grundinformationen die Kinder über erlebte und erfahrene religiöse Praxis ins Gespräch zu bringen. Besonders beliebt ist die Station »Feste und Feiern«, denn dort gibt es neben Berichten über die jeweiligen Festtage auch die passenden Süßigkeiten zum Probieren.

Der Tag endet wieder in der Aula. Im Plenum wird das Lied »Habt ihr schon gehört von Abraham?« gesungen.

Schülerinnen und Schüler aus der Zeitungs-AG moderieren eine Auswertungsrunde: Was habt Ihr Neues erlebt? Was kanntet Ihr schon?

Mit der Erinnerung daran, dass der Segen Gottes beiden Söhnen – und damit beiden Religionen – gilt, und dem Abschiedsgruß »Ich entlasse Dich in die Hände Gottes« endet der Projekttag um 12.15 Uhr.

Die Kinder waren dabei die ExpertInnen für ihre Religion. Muslimische Kinder hatten oft mehr zu berichten und lösten bei ihren MitschülerInnen aus christlichen Familien Erstaunen aus: Wieso kannst Du diese Schriftzeichen lesen? Woher weißt Du, was das bedeutet?

Schule wird zum Kommunikationsort für Lebenspraxis – nicht nur für die Schülerinnen und Schüler. Jetzt bereiten wir den fünften Projekttag vor, er ist zum festen Bestandteil der Grundschulzeit geworden.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autor:
Claus Ost
Weitere Informationen:

Kontakt:
Gemeindepädagoge Claus Ost
Evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen
Tel.: 06182 / 2 96 54
claus.ost@seligenstadt-evangelisch.de
www.seligenstadt-evangelisch.de