Zusammenhalten – Zukunft gewinnen

 
Predigt zu Johannes 13,1-6, Lesung: Apg 17, 22-28

Liebe Schwestern und Brüder!
I.
Zusammenhalten – Zukunft gewinnen: mit diesem Motto trifft die Interkulturelle Woche mitten in eine der heftigsten Integrationsdebatten, die unser Land in den letzten Jahren erlebt hat. »Zusammenhalten? Schön wär’s!«, sagen diejenigen, die den Eindruck haben, die Zuwanderer hätten gar kein Interesse an der deutschen Gesellschaft und würden sich der Integration verweigern. »Da sollen Dinge zusammen wachsen, die überhaupt nicht zusammen passen«, sagen andere, die meinen, die islamische Kultur sei mit den Werten des Abendlandes nicht kompatibel. Anstatt die Zukunft zu gewinnen, sei Deutschland auf dem Weg, sich selbst abzuschaffen. Der Politik schließlich wird vorgeworfen, sie habe vor der Aufgabe versagt, die Gesellschaft zusammen zu halten. Sie habe weggeschaut und zugelassen, dass sich Parallelgesellschaften entwickeln.

Zusammenhalten – Zukunft gewinnen: ist das also eine der Formeln, um die sich die Gutmenschen scharen, diejenigen, die die Probleme nicht sehen wollen? Die nach wie vor von einer bunten Multi-Kulti-Gesellschaft träumen?

II.
Als Christen nehmen wir diese Anfragen mit in unseren Gottesdienst. Wir bedenken sie im Angesicht Gottes und im Hören auf sein Wort.

Da ist zunächst die Areopagrede des Paulus, unsere erste Lesung. In Athen, der Metropole des griechischen Geisteslebens, ist der Apostel mit dem konfrontiert, was wir heute eine multikulturelle und multireligiöse Situation nennen würden. Die verschiedenen Heiligtümer, die er beim Gang durch die Stadt entdeckt hat, sind für ihn Götzentempel, deren Kult er kritisiert. »Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas.«

Gleichzeitig begegnet Paulus den Athenern, die in der Mehrzahl auch nach seiner Predigt den Glauben an Jesus Christus nicht teilen, mit einer ausgesprochen positiven und offenen Haltung. Diese positive und offene Haltung leitet der Völkerapostel ab aus dem biblischen Schöpfungsglauben. Weil Gott nach dem biblischen Zeugnis das ganze Menschengeschlecht aus einem einzigen Menschen erschaffen hat und weil es zur gottgegebenen Natur aller Menschen gehört, Gott zu suchen, fühlt sich Paulus auch den Athenern verbunden. Anstatt sie in seiner Rede abzukanzeln, betont er das Gemeinsame, spricht er von »uns« und von »wir«. »Keinem von uns ist Gott fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.«

Für unsere Diskussionen über das Zusammenleben der Kulturen und Religionen hat Paulus damit ein biblisches Fundament gelegt und eine christliche Grundhaltung vorgezeichnet. Diese Grundhaltung lässt uns über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg die in Gott gründende Gemeinsamkeit sehen. Der Andere, die Fremde, der Migrant, die Andersgläubige gehört wie ich zur einen Menschheitsfamilie, hat wie ich denselben Ursprung in Gott und in ihm dasselbe Ziel (vgl. NA 1).

Das christliche Welt- und Menschenbild widerspricht damit allen Theorien, die unversöhnliche Gegensätze zwischen den Kulturen konstruieren. Es widerspricht jeder Einteilung der Menschheit in Gruppen oder Rassen, die einen unterschiedlichen Wert besitzen Der Versuch, solche Ansätze in die Integrationsdebatte einzuführen, ist ein gefährlicher Missbrauch von Statistiken und Tabellen.

III.
Zusammenhalten – Zukunft gewinnen: gegen dieses Motto gibt es jedoch auch einen religionskritischen Widerspruch. Sind es nicht gerade die Religionen, die mit ihren konkurrierenden Wahrheitsansprüchen den Zusammenhalt gefährden?

»Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.« Dieser Satz Jesu aus unserem Evangelium, wirkt er nicht hart und unversöhnlich? Bleibt da noch Platz für einen Dialog etwa zwischen Christen und Muslimen, einen Dialog, bei dem man sich auf Augenhöhe begegnet? Wenn wir uns vor Augen führen, wie Jesus den Menschen begegnet ist, lautet die Antwort eindeutig Ja. Sein Weg zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er sich denen zugewandt hat, mit denen man nicht verkehrt, weil sie nicht den religiösen und sozialen Normen entsprachen oder einen anderen, den »falschen« Glauben hatten. Denken wir etwa an das Gespräch mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen oder den Hauptmann von Kafarnaum, dessen Vertrauen Jesus mit den Worten kommentiert: »Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden« (Mt 8,10).

So können wir an Jesus selbst ablesen, dass die Klarheit der eigenen Identität und das wertschätzende Einlassen auf andere zwei Pole sind, die gemeinsam zum christlichen Glauben gehören. Das Zusammenleben und Zusammenhalten in einer multireligiösen Gesellschaft setzt bei allen Beteiligten die Fähigkeit voraus, die eigene Überzeugung nicht auf Kosten, wohl aber im Angesicht anderer, zum Teil widersprechender Überzeugungen formulieren zu können. Wenn in der Bildung zu Recht ein zentraler Faktor der Integration gesehen wird, darf daher eine religiöse Bildung, die sprach- und auskunftsfähig macht, nicht vergessen werden. Wir brauchen daher dringend Fortschritte bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichtes an den Schulen. Die Schule ist der zentrale Lernort für eine konfessionelle Identität in ökumenischer und interreligiöser Offenheit. Wir müssen außerdem auch durch unsere kirchliche Bildungsarbeit im Kindergarten, in der Familien- und Erwachsenenbildung und in kirchlichen Gruppen und Verbänden stärker Menschen begleiten, die durch die noch neue Präsenz nichtchristlicher Religiosität zum Teil tief verunsichert sind.

IV.
Zusammenhalten – Zukunft gewinnen: mit diesem Motto möchten die Kirchen eine Orientierung für das Zusammenleben von Zugewanderten und Einheimischen geben. Die Integration wird nur gelingen, wenn sie als eine gesamtgesellschaftliche und langfristige Aufgabe verstanden wird, die Zugewanderte und Einheimische mit eigenen Beiträgen aktiv angehen. Darüber besteht spätestens seit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2004 Konsens. Seitdem sind wir ein gutes Stück voran gekommen. Die Integration in Deutschland ist besser als ihr Ruf. Bei aller Kritik im Detail stehen die Sprachförderung vor der Einschulung, die Integrationskurse, der Nationale Integrationsplan und die Deutsche Islamkonferenz für eine politische Gestaltung von Zuwanderung und Integration, die nicht zuletzt die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände seit langem angemahnt hatten.

Das zentrale Integrationsproblem in Deutschland liegt trotz aller Fortschritte im Bereich Bildung, Ausbildung und beruflicher Qualifikation. Bessere oder schlechtere Zukunftsperspektiven werden dabei nicht genetisch, sondern sozial vererbt. In keinem Land der EU entscheidet das Herkunftsmilieu so stark über den Werdegang von Kindern. Diesen Integrationsdefiziten können wir nicht begegnen, indem wir von den betroffenen Familien stärkeres Engagement fordern und mit Sanktionen drohen. Stattdessen ist hier eine Integrationsleistung der ganzen Gesellschaft erforderlich, um Bedingungen für Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und aktive Teilhabe am öffentlichen Leben zu schaffen und Diskriminierung abzubauen.

Darüber hinaus müssen wir mehr Aufmerksamkeit auf die soziale Entwicklung in benachteiligten Stadtteilen legen. Hier leben oft Einheimische und Zuwanderer zusammen, die zu den sozialen Verlierern gehören. Aus der Arbeit unserer Kirchengemeinden, der Caritas und der Diakonie in Stadtteilkonferenzen und Runden Tischen wissen wir, dass auch hier soziale Netze neu geknüpft und Konflikte gelöst werden können. Dazu gibt es zahlreiche Modellprojekte, die jedoch viel zu selten weiter getragen werden und damit zu selten zu dauerhaften Veränderungen führen.

V.
Liebe Schwestern und Brüder!

Nur wenn wir zusammenhalten, werden wir die Zukunft gewinnen.

Der kulturelle und weltanschauliche Pluralismus gehört dabei positiv zur Identität unseres Gemeinwesens. Die Einheit der Gesellschaft ist nicht über ihre Einheitlichkeit, sondern über gerechte Teilhabe herzustellen.

Allen, die sich im Rahmen der Interkulturellen Woche und darüber hinaus für ein gelingendes Zusammenleben der Kulturen und Religionen, für die Rechte von Flüchtlingen und Asylsuchenden sowie für ein Bleiberecht für die langjährig Geduldeten einsetzen, möchte ich abschließend sehr herzlich danken. Ihr Einsatz gehört in die Mitte der christlichen Weltverantwortung und ist ein zentraler Beitrag, den wir als Christen heute für Frieden und Gerechtigkeit leisten können.

Zusätzliche Bilder
Präses Nikolaus Schneider, Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck und Metropolit Augooustinos (v.l.n.r.) beim ökumenischen Gottesdienst anlässlich der bundesweiten Eröffnung der Interkulturellen Woche am 24. September 2010 in der Erlöserkirche in Essen.
 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autor:
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck
Weitere Informationen:

Leicht gekürzte Fassung der Predigt, die im ökumenischen Gottesdienst anlässlich der bundesweiten Eröffnung der Interkulturellen Woche am Freitag, den 24. September 2010 in der Erlöserkirche in Essen gehalten wurde. In voller Länge finden Sie die Predigt unter: www.interkulturellewoche.de

Dr. Franz-Josef Overbeck ist Bischof von Essen.

Kontakt:
Bistum Essen
Bischöfliches Generalvikariat
Zwölfling 16, 45127 Essen
Tel.: 0201 / 22 04-1
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