Predigt im Dialog

 
Merga Negeri Arabe und Ursula Schoen - Foto: Petra Heipke

Diese Predigt fand im Weihnachtsgottesdienst 2009 im Ökumenischen Zentrum Christuskirche in Frankfurt am Main statt. Die Dialogpartner waren Ursula Schoen, Beauftragte für Flüchtlingsaufnahme der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und Merga Negeri Arabe, ehemals Friedens- und Konfliktbeauftragter der ev.-luth. Mekana Jesu-Kirche in Äthiopien.

In Dialog treten

Ein altersschwacher Pappkarton, darin Maria und Josef mit ihrem Kind: Diese polnische Krippenszene und die Weihnachtsgeschichte vor Augen begannen mein Kollege, Merga Negeri Arabe, und ich unsere Vorbereitung für eine »Predigt im Dialog«, die wir gemeinsam gestalten wollten. Vor der Predigt stand der Dialog – und das Lernen voneinander:

»Wie gut«, dachte ich beim Anblick der Krippenszene, geprägt vom täglichen Umgang mit Menschen ohne rechtliche Sicherheit und familiären Rückhalt, Flüchtlingen wie Maria und Josef eben, »die haben wenigstens eine Herberge, klein und dürftig, aber doch ein Schutzraum«.

»Wie schrecklich«, sagte mein äthiopischer Kollege, »dieses Bild erinnert mich an ein Lager, das ich in einer Friedensmission in Uganda besucht habe. Ungefähr 50 000 Menschen lebten in diesem Lager. Sie leben in kleinen, völlig überfüllten Hütten mit erbärmlichen sanitären Einrichtungen. Dieser Pappkarton erinnert mich daran, unter welch schrecklichen Umständen Menschen leben oder vielmehr vegetieren müssen.«

Im Dialog predigen – Grundlagen

Ein Bild oder ein Text wecken sehr unterschiedlichen Gedanken und Gefühle in jedem einzelnen von uns. Dies führt in der Alltagskommunikation nicht selten zu Missverständnissen unabhängig davon, ob Menschen die gleiche oder verschiedene Sprachen sprechen. Wo aber diese Wahrnehmungsunterschiede in einen Dialog treten können, da werden sie Ausgangspunkt für Neuentdeckungen und Horizonterweiterungen – so auch die Predigt im Dialog.

Die Dialogpredigt lässt anders als ein monologischer Predigtvortrag verschiedene Zugänge zu einem Text zu. Diese müssen am Ende der Predigt nicht versöhnt sein. Sie beziehen vielmehr die Hörenden aktiv in das Predigt geschehen ein: Sie können die vorgetragenen Positionen in sich vereinigen, sich auf eine Seite schlagen oder eine dritte Meinung in den Dialog einführen. Der biblische Text ist – so macht die Dialogpredigt deutlich – ein Geheimnis, das immer neu erschlossen werden muss. Dazu ist es wichtig im Gespräch zu bleiben: mit anderen und mit der Bibel. Das macht sie zu einem wichtigen Instrument interkultureller und ökumenischer Begegnung.

Den Predigtdialog gestalten – Empfehlungen zu Durchführung

  1. Ausgangpunkt bei der Vorbereitung einer Dialogpredigt sollte immer das gemeinsame Gespräch über den auszulegenden biblischen Text sein.
  2. Bei diesem Gespräch ist wie bei jeder Predigtvorbereitung die Unterscheidung zwischen persönlichen Assoziationen zu diesem Text und exegetischen Überlegungen wichtig.
  3. Am Ende der gemeinsamen Textauslegung ist es hilfreich, noch einmal Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Sichtweise des Textes im Sinne einer Ergebnissicherung zu formulieren.
  4. Dann erfolgt die Entscheidung, wer welchen Part in der Dialogpredigt übernehmen soll. Hier lassen sich sehr verschiedene Gegenüberstellungen denken: Zwei Figuren des Textes, Mann und Frau, Angehöriger einer Mehrheits- und einer Minderheitskirche etc.
  5. Die eigentlich Predigt kann entweder auf der Basis einer gemeinsamen Absprache erfolgen, wie das Predigtgespräch in der inhaltlichen Abfolge verläuft. Oder ein Dialogpartner schreibt eine erste kurze Predigt, die die Partnerin im Anschluss mit Einschüben ihrerseits ergänzt.
  6. Dialogpredigten als zweisprachige Predigten brauchen in der Vorbereitung eine Übersetzung in die jeweilig andere Sprache. Diese muss den Gottesdienstbesuchern am Eingang durch vorbereitete Blätter zugänglich gemacht werden. Wenn große Sprachdifferenzen bestehen, ist es für die Hörenden hilfreich, wenn die Anlage der Predigt so gestaltet ist, dass Menschen, die nur eine Sprache verstehen, in ihrer Sprache eine abgeschlossene Kurzpredigt hören.

  

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autorin:
Pfarrerin Dr. Ursula Schoen
Weitere Informationen:

Dr. Ursula Schoen ist Pfarrerin und Beauftragte für Flüchtlingsaufnahme der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ab Mai 2011 Dekanin in Frankfurt Mitte-Ost.

Kontakt:
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
Tel.: 069 /79 47 - 326
ursula.schoen@dwhn.de
www.diakonie-hessen-nassau.de