Meditation »Ich will’s wissen!«

 

Ein Kind schaut mich an, ein Mädchen – sechs oder sieben Jahre alt mag es sein; schwarze, leuchtende Augen; dunkle Haare, Pony über der Stirn, hinten in zwei Schwänzchen gebändigt; ein spitzbübischer Mund. Es könnte von überall her sein: aus einem Land Ost- oder Süd- oder Südosteuropas, vielleicht aus Frankreich oder auch aus Deutschland. Ich kann es nicht erkennen. Es spielt auch gar keine Rolle, wo dieses Kind herkommt. Es ist da. Es schaut mich an. Es will, dass ich den Blick erwidere, dass ich es wahrnehme, ernst nehme.

Das Mädchen sitzt an einem Tisch – vor sich ein Blatt, auf dem es malt oder schreibt. Mit dem blauen Stift in der rechten Hand zeigt es auf mich. Sagt: »Ich will’s wissen!« Sagt: »Gib mir Antwort auf meine Fragen!« Sagt: »Lass mich an deinem Wissen teilhaben! Es ist wichtig für mich und für mein Leben.«

Kinder sind neugierig. Sie wollen wissen – alles. »Warum ist der Mond manchmal rund und manchmal nur eine Sichel?«, »Wie funktioniert ein Computer?«, »Wo ist die Oma jetzt, die gestern gestorben ist?«, »Warum gibt es Kinder mit blonden und mit dunklen Haaren, mit heller, brauner oder schwarzer Haut?« Kinder stellen Fragen. Manchmal sind die Fragen so schwierig, dass ich sie kaum beantworten kann.

Kinder sind neugierig und wollen lernen. Jedes Kind. Sie sind offen für die Welt und das Leben und die Menschen. Man muss sie nicht zum Lernen motivieren, aber man muss sehr sorgsam darauf achten, dass man ihre Motivation nicht zerstört, dass man ihnen die Lust am Lernen nicht raubt.

Ich habe in den Townships Südafrikas und in den Slums indischer Metropolen gesehen, wie Kinder aus den Elendsquartieren die Schulbänke drücken – manchmal Tausende in einer Schule –, weil sie lernen wollen, weil sie sich und ihre Fähigkeit beweisen wollen. Sie wissen, dass Wissen und Bildung der einzige Weg sind, aus dem sozialen Elend herauszufinden und später einmal einen besseren Platz in der Gesellschaft zu finden als die Eltern. Ich habe auch gesehen, wie es für Eltern selbst aus den ärmsten Verhältnissen das wichtigste Anliegen ist, ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Ich habe ebenfalls gesehen, wie Kinder, für die die Schulkleidung zu teuer oder der Weg zur Schule zu weit, sich im Wohn-
raum einer armseligen Behausung drängen, wo im Rahmen einer »Fliegenden Schule« eine Ordensfrau sie besucht und Unterricht erteilt, weil es halt anders nicht geht. Und ich habe bei allen diesen Kindern eine riesige Freude und Begeisterung erlebt. Sie erfahren in ihrem kleinen Leben, was das große Wort »Würde« bedeutet.

Das ist hierzulande nicht anders. Es gehört zu den Skandalen unserer so sehr auf Leistung und Erfolg ausgerichteten Gesellschaft, dass viele Kinder von vorneherein geringere Chancen haben, in der Schule erfolgreich zu sein, weiterführende Schulen zu besuchen, einen qualifizierten Abschluss zu bekommen, eine Berufsausbildung zu absolvieren oder gar ein Studium aufzunehmen – wenn sie aus Familien mit einem so genannten Migrationshintergrund kommen, wenn ihre Familien zu sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen gehören oder wenn sie gar als Flüchtlinge mit illegalem Status hier leben. Sie sind und bleiben ausgeschlossen. Aber Partizipation ist ein Menschenrecht.

»Ich will’s wissen!« Da geht es noch um mehr als um Lernen und Wissen. Es bedeutet: Ich will sehen, ob ich den Platz in der Gesellschaft finde, der meinen Begabungen entspricht. Ich will erfahren, dass ich etwas wert bin. Es geht um Bildung. Es geht um ein sinnerfülltes Leben. Es geht darum, dass Kinder – jedes Kind, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, kultureller Herkunft oder sozialer Lage – die Möglichkeit erhält, sich in seinen emotionalen und geistig-seelischen Fähigkeiten zu entfalten, das Leben in der Fülle seiner sozialen, ethischen, gestalterischen und auch religiösen Dimensionen zu erfahren. In jedem Menschen ist etwas Großes angelegt, das sich entfalten will. Alle Kinder brauchen Bildung. Sie haben ein Recht darauf.

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autor:
Dr. Thomas Broch
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Dr. Thomas Broch ist Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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