Hoffnung im Gepäck!

 
Predigt über Rut
OKR Thorsten Leißer - Foto: Shirin Shahidi

Liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte von Rut und Naomi ist eine bekannte Geschichte aus früheren Zeiten. Lange her und doch gar nicht so weit weg, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Die Geschichte von Rut und Naomi ist eine Geschichte über Migration und Integration, eine Geschichte über Zuneigung und Liebe, über Fragen und Zweifel, aber auch eine Geschichte über Zusammenhalt und Zukunft. Sie beginnt mit einer Hungersnot – einer Not, wie wir sie kennen von den bewegenden Bildern, die aus den ärmsten Ländern um die Welt gehen.

Wo es nichts mehr zu essen gibt, fehlt im elementarsten Sinn die Lebensgrundlage. Da fehlt auch jede Zukunftsperspektive, weshalb immer wieder Menschen aufbrechen, sich auf die Reise machen und ihre Heimat verlassen, auf der Suche (nicht nur) nach einem besseren Leben, sondern überhaupt nach Leben.

Naomi selbst ist eine Migrantin, die mit ihrer Familie vor dem Hunger und der existenziellen Unsicherheit in ein anderes, fremdes Land flieht. Aber nachdem ihr Mann und ihre Söhne gestorben sind, gibt es für sie in der gastgebenden Gesellschaft keine Perspektive mehr. Zwar kann sie als gut integriert gelten im Lande Moab. Sie hat immerhin einheimische Schwiegertöchter, die nun aber als Witwen selbst in der Gefahr sind, durch prekäre Lebensumstände abgehängt zu werden. Deshalb entscheidet sich Naomi zur Rückkehr in ihr Heimatland. Eine ihrer Schwiegertöchter, Rut, folgt ihr. Ganz gegen alle Gepflogenheiten und Ratschläge der Migrationsberatungsstellen will Rut mit ihr gehen in die Ungewissheit eines unbekannten Landes. Rut hält zu Naomi und lässt sich durch nichts davon abbringen.

Die beiden verarmten Frauen ziehen in die Gegend von Bethlehem, Beth-Lehem, dem »Haus des Brotes«, wo sie sich durch das Aufsammeln von Ernteabfällen mit Mühe über Wasser halten können

Wie durch ein Wunder gerät Rut an einen Landbesitzer, der das Herz am rechten Fleck trägt und ihr freundlich begegnet, zunächst ganz ohne Absichten. Durch Boas und seine menschenfreundliche Haltung gelingt es den beiden Frauen, der bitteren Armut zu entgehen. Ja, es gibt sogar ein Happy End, bei dem sie Zukunft gewinnen – eine Zukunft, wie sie am Ende nur in einem Kind zum Ausdruck kommen kann.

In dieser Geschichte zeigt sich, dass Gott mitgeht in die Fremde und solidarisch ist. Dass Gott den Armen zur Seite steht, den Migranten und Flüchtlingen, ja den Opfern der Zeit.

Die Geschichte berichtet davon, dass von einer fremden und ausgegrenzten Migrantin sogar ein König abstammen kann: König David, die wohl schillerndste Figur des Gottesvolkes und Begründer der israelitischen Großmacht im Nahen Osten. Sein Stammbaum reicht bis zu einem gewissen Jesus von Nazareth, den man Sohn Gottes und Erlöser der Welt nennt. So wird die Migrantin Rut zu einer Stamm-Mutter Jesu.

Es ist kein Zufall, dass der Stammbaum Jesu im Matthäusevangelium auch Rut und ihren Sohn Obed ausdrücklich nennt. Der Gottessohn, dessen eigene Geburt unter einem hellen aber schwierigen Stern stand, auf der Durchreise geboren und der – nach Matthäus – schon kurz danach mit seinen Eltern als Flüchtling auf dem Weg nach Ägypten war, dieser Gottessohn steht in einer Linie mit Migranten und Migrantinnen, deren Neuanfang und Integration wie durch ein Wunder der Menschlichkeit gelingt.

Darüber hinaus zeigt uns die Geschichte von Rut auch eine für die Bibel typische Seite von Gott. »Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott«. Wenn Rut ihrer Schwiegermutter dieses wunderbare Bekenntnis schenkt, dann will sie damit auch sagen, dass sie diesem Gott vertraut. Sie drückt damit eine widerständige Hoffnung aus gegen ein übermächtiges Schicksal. Mit dieser Hoffnung im Gepäck macht sich Rut auf. Diese Hoffnung gibt ihr Kraft, sich auf die Felder zu wagen und die Erntereste aufzusammeln. Und angetrieben von dieser Hoffnung begegnet sie schließlich Boas, was ihrem Leben eine entscheidende Wende gibt.

Wir wissen nicht, ob Rut von diesem Gott schon einmal gehört hat, der für all jene sorgt, die ohne Lebensmut und Perspektive sind. Aber Ruts Geschichte ist auch die Geschichte eben jenes Gottes, der ganz bewusst diejenigen erwählt, die schwach und gesellschaftlich an den Rand gedrängt sind. Gott hat anscheinend eine große Vorliebe für all diejenigen, die Mühe haben, ihren Platz zu finden, statt sich einfach derer zu bedienen, die sich selbst für stark, reich und etabliert halten. Das ist die verrückte Logik Gottes! Gott nimmt sich der Schwachen und Armen an und befähigt sie dazu, selbst aktiv zu werden, Subjekte ihres Lebens zu sein und schließlich auch Gottes befreiendes Handeln für die Welt auszuführen.

Und wer weiß, wie sehr sich die Kommentatoren in den judäischen Medien darüber gewundert haben, dass die Migrantin Rut ihr Leben selbst in die Hand nimmt und damit nicht in das Bild der vielbeschriebenen, doch bisher nicht gefundenen Integrationsverweigerer passt.

Auch der Bestseller in den Bücherregalen »Judäa schafft sich ab« wurde durch ihre Geschichte widerlegt. Denn man könnte sagen: Ruts und Naomis Integration ist gelungen! Und damit verändert sich auch die judäische Gesellschaft bis hin zum Stammbaum Jesu, der in die Zukunft der Welt reicht.

Diese biblische Geschichte hilft uns zu verstehen, was wir alles gewinnen, wenn wir uns Flüchtlingen und Migranten zuwenden. Wenn wir auf jene zugehen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen – sei es durch Krieg und Folter, durch Hunger oder Perspektivlosigkeit.

Sie machen sich auch heute auf, um nach Europa zu kommen, ins moderne Beth-lehem, das »Haus des Brotes« unserer Zeit, das Land der Fülle und des schier grenzenlosen Konsums, aber auch das Land geschlossener Schranken und gefährlicher Grenzen, an denen jedes Jahr tausende den Tod finden. Wenn wir auch in unserer Zeit heute auf der Suche nach Gott sein wollen, dann führt uns die Geschichte von Rut genau zu ihnen, an deren Seite Gott steht.

Deshalb ermutigt uns Gott dazu, uns zu engagieren für eine bessere Welt, eine menschlichere Welt.

Eine Welt, in der nicht die Herkunft zählt oder die Sprache, die wir sprechen, sondern allein unser Menschsein.

Eine Welt, die nicht unterscheidet in Fremde und Einheimische, sondern die offen ist für alle, die darin leben wollen.

Eine Welt, in der zivilgesellschaftliches Engagement nicht belächelt oder gar kriminalisiert wird, sondern gewürdigt und erwünscht ist.

Eine Welt, wo Multikulti kein Kampfbegriff mehr ist, sondern Ausdruck einer selbstverständlichen Vielfalt an Lebensformen und Kulturen.

Eine Welt, wo nicht Angst und Abgrenzung das letzte Wort haben, sondern Zusammenhalt und Zukunft.

Ja, eine Welt, die nicht den Himmel verspricht, sondern die Leben auf Erden gelingen lässt.

Von einer solchen Welt erzählt die Geschichte Ruts und für eine solche Welt steht am Ende auch der Mann aus Nazareth, in dem wir den Gottessohn und Menschenbruder erkennen. Mit ihm können wir an dieser Welt bauen und den Ruts und Naomis unserer Zeit eine echte Chance geben – aber auch uns selbst und unserer Gesellschaft! Indem wir zusammenhalten, können wir Zukunft gewinnen.

Amen.

Zusätzliche Bilder
Gottesdienst am 4. Februar 2011 im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt/Main. - Foto: Shirin Shahidi
 
Materialheft:
Gliederung 2011
Schlagworte:
Autor:
OKR Thorsten Leißer
Weitere Informationen:

Die Predigt wurde im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2011 am 4. Februar 2011 in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt/M. auf der Grundlage einer Auswahl von Textstellen aus dem Buch Rut gehalten. Sie finden diese Auswahl unter www.interkulturellewoche.de

OKR Thorsten Leißer ist Referent für Menschenrechte und Migration im Kirchenamt der EKD sowie Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Kirchenamt der EKD
Referat Menschenrechte und Migration
Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover
Tel.: 0511 / 27 96 -411
thorsten.leisser@ekd.de
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