Biblische Modelle des Zusammenhalts

 

»Zusammenhalten – Zukunft gewinnen« – das Motto der Interkulturellen Woche stellt den Zusammenhalt der Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Damit greift es ein zentrales Anliegen vieler biblischer Schriften auf. Die Suche nach geeigneten Texten für Gottesdienste, Andachten oder Veranstaltungen zur Interkulturellen Woche fällt nicht schwer. Nach meinem Dafürhalten bieten sich folgende Texte im Jahr 2011 in besonderer Weise an:

1. Das Proprium des Sonntags

Der vom Ökumenischen Vorbereitungsausschuss vorgeschlagene Termin für die Eröffnung der Interkulturellen Woche ist Sonntag, der 25. September 2011. Im evangelischen wie im katholischen Kirchenjahr sind für diesen Sonntag einige Texte vorgesehen, deren Thema sich eng mit dem Thema der Interkulturellen Woche berührt. So kann die Interkulturelle Woche auch dort zum Thema werden, wo keine gesonderten Veranstaltungen zur Sache geplant sind.

Evangelischer 14. Sonntag
nach Trinitatis:

Evangelium des Sonntags ist Lk 17,11-19, die Geschichte von den zehn Aussätzigen. Jesus heilt sie, nur einer der Aussätzigen kehrt nach der Bestätigung der Heilung durch die Priester zu ihm zurück und dankt ihm. »Und das war ein Samariter« (V. 16). In seiner Antwort betont Jesus das Vorbild des Mannes: Er, der ein Fremder ist, hat gehandelt, wie es recht ist vor Gott (V. 18).

Es ist das einzige Mal im Neuen Testament, dass das griechische Wort für den Anders-artigen verwendet wird: Der allo-genïs, der Andersstämmige, Landfremde, Ausländer wird zum Modell rechten Verhaltens. Damit rückt der Text in die Nähe der Grundgeschichte christlicher Nächstenliebe, der ebenfalls von Lukas erzählten Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Hier wie dort werden die Grenzen der religiös-kulturellen Selbstverständlichkeiten überschritten, wird das damals wie heute verbreitete Muster des Wir – Ihr durchbrochen. »Wir Juden« – »Ihr Samaritaner«? »Wir Christen« – »Ihr Muslime«? Nein: Der Ausländer mit der fremden Religion wird Jesus zum Vorbild für rechtes Handeln.

Römisch-katholischer 26. Sonntag im Jahreskreis:

Epistel des Sonntags ist Phil 2,1-11. Paulus ermahnt die Leserinnen und Leser zu Liebe, Einmut und Eintracht. »In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen« (V. 3-4). Gemeinwohl, nicht Eigennutz, Zusammenhalt, nicht Gegeneinander soll das Leben in Philippi bestimmen. Die Gemeinde soll gesinnt sein »wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht« (V. 5).

Der Ratschlag des Apostels gilt in erster Hinsicht für das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft der Christgläubigen. Er gilt, wie stets bei Paulus, in zweiter Hinsicht aber auch für das Zusammenleben in der Stadt Philippi insgesamt. »Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!«, ermahnt der Apostel die Gemeinde zwei Kapitel später (4,5). Griechen, Römer, Juden, sie alle sollen von der Menschenfreundlichkeit der Christen erfahren und von ihr profitieren. Die auf das Gemeinwohl bedachte christliche Praxis endet nicht an den Grenzen der Gemeinde.

2. Die Kommune

»So spricht der Herr Zebaoth: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes …, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.«

Der Brief des Propheten Jeremia an die Landsleute im Ausland (Jer 29,4-7) meldet sich zu Wort in einer politischen Lage, die Manches mit der aktuellen Lage in Deutschland gemein hat. Die Gemeinschaft der Israeliten fragt sich: Wie sollen wir leben in diesem Land, das nicht unser Geburtsland ist? Wie sollen wir uns in der Fremde verhalten? Sollen wir uns in unsere eigenen Viertel zurückziehen, unsere Kinder untereinander verheiraten und uns nur um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern? Viele scheinen seinerzeit für dieses Modell plädiert zu haben. Ihr sollt euch nicht mit den Fremden einlassen, sagen sie. Grenzt euch von ihnen ab, wo immer ihr könnt. Kümmert euch nicht um die öffentlichen Angelegenheiten in dieser Stadt, die so ganz anders ist als die Städte, die wir kannten. Wir sind Bürger eines anderen Landes. Was haben wir mit diesen Leuten zu schaffen?

Der Prophet stellt diesem Modell, das man etwas zugespitzt ein Modell der Parallelgesellschaften nennen könnte, ein Modell der Kommune entgegen. Das war seinerzeit für viele unwillkommen und ist es mancherorts auch heute. An die Migranten wie an die Aufnahmegesellschaft stellt der Text die drängende Frage: Wie haltet ihr’s mit den Anderen? Fremd sind sie und haben eine andere Kultur und Religion. Seid ihr dennoch bereit, mit ihnen zusammenzuleben? Kümmert ihr euch um die öffentlichen Angelegenheiten, die euch wie sie gleichermaßen betreffen? Und wie steht’s im Privaten: Gebt ihr »eure Töchter Männern« auch dann, wenn diese Männer nicht euresgleichen sind? Wenn sie eine andere Religion haben und womöglich eine andere Hautfarbe? Es lohnt sich, diese hochaktuellen und für die Zukunft Deutschlands grundlegenden Fragen einmal anhand des Briefes des Propheten Jeremia durchzudeklinieren.

3. Soziale Gerechtigkeit

»Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der Herr, euer Gott« (3. Mose 19,9-10).

Mit dem prophetischen Aufruf zum Zusammenhalt ist es nicht getan, so unverzichtbar er ist. Es braucht verbindliche Sozialgesetze, eine Zukunft eröffnende Unterstützung der Schwachen und der Fremden: Ihre Grundsicherung ist zu gewährleisten (V. 9-10), die Zeitarbeiter sind angemessen zu bezahlen (V. 13), die Behinderten fair zu behandeln (V. 14), es gilt gleiches Recht für alle (V. 15). Am Ende des 19. Kapitels des dritten Buches Mose sind diese Grundregeln biblischer Sozialethik verdichtet zu dem kühnen Satz: Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst (19,33-34).

Die Geschichte der Ruth, die der Ökumenische Vorbereitungsausschuss in diesem Jahr als Predigttext für den Gottesdienst anlässlich der Vorbereitungstagung der Interkulturellen Woche ausgesucht hat, ist eines von vielen biblischen Beispielen für die Praxis solcher Fremdenliebe. Obwohl Israel und Moab seit alters her im Streit liegen, behandelt der Israelit Boas die Moabiterin Ruth freundlich, ja wie eine Nächste: »Halte dich zu meinen Mägden. Und wenn dich dürstet, so geh hin zu den Gefäßen und trinke. Iss vom Brot. Und er legte ihr geröstete Körner vor, und sie aß und wurde satt und ließ noch übrig« (aus Ruth 2,8-14).

»Liebe« zum Fremden, »Liebe« zum Nächsten (3. Mose 19,18), das ist hier wie an vielen anderen Stellen in der Bibel nicht in erster Linie ein Gefühl, wie es gelegentlich missverstanden worden ist, sondern eine Tat. Es ist, mit Worten unserer Zeit zu sprechen, Fairness, Teilhabe, Rechtsstaat. Es ist soziale Gerechtigkeit, auch für die Fremden.

P.S.
Das meistverkaufte Buch im Jahr 2010 war Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab«. Es hat die Stimmung im Blick auf die Fremden, insbesondere auf »die Muslime«, stark beeinflusst. Gut und tröstlich zu wissen, dass es ein altes Buch gibt, das in deutschen Bücherschränken noch häufiger zu finden ist. Lassen Sie uns sein klares Wort im Jahr 2011 deutlich zu Gehör bringen. »Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,33-34).

 
Materialheft:
Gliederung 2011
Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Kontakt:
Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
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30169 Hannover
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