Zusammenhalten – Zukunft gewinnen

 
Reflexion aus muslimischer Sicht
Hamideh Mohagheghi - Foto: privat

»Die meisten Armen sind nicht durch Passivität oder Dummheit arm geworden; es sind häufig die Rahmenbedingungen, die Menschen in die Armut treiben.« Sagt Muhammad Yunus, der die Wirtschaft in Ländern der sogenannten Dritten Welt von unten aufzubauen versucht und für seine Idee 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hat. Die meisten der Armen wollen nicht auf »Kosten der anderen« leben; es sind persönliche »Schicksale«, gesellschaftliche Umstände und nicht zuletzt die ungerechten Verhältnisse, die die Menschen in eine Notlage bringen, aus der sie aus eigener Kraft nicht heraus kommen können.

Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Würde und angemessene Versorgung, darin sind sich alle Religionen, Weltanschauungen und Kulturen einig. Hier besteht die Möglichkeit, gemeinsam zu Wort zu kommen und die Armut aus den Prinzipien des Glaubens heraus zu bekämpfen.

Der Islam bietet eine Reihe von religiösen verbindlichen »Verpflichtungen« und Traditionen, die auf die Bekämpfung der Armut und damit auf soziale Gerechtigkeit zielen. Es ist die Zakat, die Pflichtabgabe, zu nennen, die in der Kategorie der verpflichtenden Rituale unmittelbar nach dem Gebet genannt wird. Sie ist keine Wohltätigkeit, die man großzügig austeilt; nach islamischer Auffassung liegt in dem, was jeder Mensch verdient, von vornherein ein Anteil, auf den die Bedürftigen ein Recht haben. Man kann erst mit reinem Gewissen das Verdiente für sich verwenden, wenn diese Abgabe geleistet ist. Bedürftig ist jemand, der sich ernsthaft bemüht, aus eigenen Mittel seinen Lebensunterhalt zu verdienen aber aufgrund persönlicher und gesellschaftlicher Umstände dies nicht erreicht. Bei der Abgabe und Hilfeleistung geht es nicht nur um das physische Überleben sondern um die Schaffung eines menschenwürdigen Lebens, das zugleich die aktive Teilhabe und Teilnahme der Notleidenden in der Gesellschaft ermöglicht. Das Ziel ist nicht nur den Hunger zu stoppen, sondern in Achtung und Respekt sich um Nächste zu kümmern.

Darüber hinaus ist jeder/jede verpflichtet, sich für die soziale Gerechtigkeit einzusetzen, die allen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten ein menschenwürdiges Leben garantiert.

Es ist ein Armutszeugnis für das 21. Jahrhundert, dass laut UN jährlich weltweit 10 Millionen Kinder an Armut und Unterernährung sterben, bevor sie 5 Jahre alt werden und etwa 1000 Menschen pro Stunde an Unterernährung oder deren Folgen sterben, während vor allem in der westlichen Welt täglich Millionen Tonnen an Lebensmittel weggeworfen werden. Allein in Großbritannien werden nach dem Bericht der Organisation WRAP (Waste & Resources Action Programme) jährlich 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, die noch essbar oder gar frisch sind.

Die nachhaltige Bekämpfung der Armut beginnt beim eigenen Verhalten in respektvollem und bedachtem Umgang mit den Ressourcen. Bescheidenheit und Demut ist die Haltung, die die Dankbarkeit für die Gnade und Gaben Gottes ausdrückt und die davon abhält, verschwenderisch und maßlos zu sein.

Armutsbekämpfung bedeutet nach islamischer Auffassung, Wege zu ebnen, damit die unterschiedlichen Kompetenzen eine Chance bekommen, sich mit den eigenen spezifischen Möglichkeiten selbst zu helfen.

Die individuelle Verpflichtung zur Fürsorge für den Nächsten stärkt die Gemeinschaft, die in einer pluralistischen Gesellschaft vielfältig ist und geprägt wird von unterschiedlichen Lebensweisen. Die individuelle Verantwortlichkeit hebt die Zuständigkeit des Staates zur Bekämpfung der Armut nicht auf, der u.a. die Umverteilung von Wohlstand bewirken soll. Hierfür kann der Staat alle Bürger in die Pflicht nehmen. Zugleich hat er die Verantwortung mit Maßnahmen z.B. zu produktiver Beschäftigung Ungleichheiten und Diskriminierung entgegen zu wirken.

Die Zukunft kann nur gemeinsam gestaltet werden; die Religionen und Kulturen können sich gegenseitig Stütze sein, um das Mitgefühl und die Verantwortung für notleidende Menschen zu entwickeln und Voraussetzungen zu schaffen, die allen Menschen entsprechend ihrer Gaben und Fähigkeiten Chancen für die Mitwirkung und Teilhabe in der Gesellschaft ermöglichen. Die Interkulturelle Woche kann dazu beitragen, neue Kräfte und Kompetenzen zu mobilisieren, die gemeinsam ein friedliches und gutes Zusammenleben bewirken.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Autorin:
Hamideh Mohagheghi
Weitere Informationen:

Hamideh Mohagheghi ist Theologin und Lehrbeauftragte für die Religion des Islam an der Universität Paderborn sowie Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland.

Kontakt:
Hamideh Mohagheghi
hamideh.mo@t-online.de