Datteln für die Erstklässler

 
Foto: Andreas Arnold

Keno kennt den Inhalt seiner Schultüte genau. Kreide, Schere, Hefte zählt er auf. Der kleine Can dagegen ist zu aufgeregt, um zu erzählen, was in seiner drin ist – jetzt, so kurz vor dem Gottesdienst zu ihrer Einschulung. Die beiden Buben stehen an der Tür zur evangelischen Schlosskirche in Offenbach. Die Glocken läuten. Erzieherinnen leiten Kindergruppen in die Kirche. Einige Familien beeilen sich, um noch einen Sitzplatz zu ergattern.

Am Eingang begrüßt Pfarrerin Patrizia Pascalis die Menschen. Auch sie ist aufgeregt. Der Einschulungsgottesdienst ist ein Experiment. Erstmals beteiligt sich eine muslimische Gemeinde an der Feier, die die katholische St.-Marien-Kirche und die Schlosskirche schon seit Jahren ausrichten. Die Kirchen liegen in Offenbachs östlicher Innenstadt. Hier leben viele Menschen mit geringem Bildungsstand, ohne Arbeit und wenig Geld. Viele sind Migranten. Kaum einer ist heute festlich herausgeputzt, die Mehrheit trägt Alltagskleidung.

Muslimische Kinder besuchen konfessionelle Kindergärten

Die Internationalität spiegelt sich auch in den Kindergärten der beiden Kirchen wider. »Etwa Zweidrittel der Kinder in unserem evangelischen Kindergarten sind Muslime«, sagt Pascalis. Im katholischen Kindergarten sind es zehn bis 15 Prozent. Pascalis hatte den Hodscha Mehmed Ergün der im selben Viertel liegenden Mevlana-Moschee gefragt, ob er sich an der Feier beteiligen wolle. Der religiöse Gelehrte sagte spontan zu. »Es besteht Vertrauen«, sagt der Hodscha der türkisch-sunnitischen Gemeinde. Die Christen und Muslime in der Offenbacher Innenstadt feiern seit Jahren gemeinsame Gottesdienste, zu Ostern oder im Ramadan.

Ob die Kinder, die später in die Mathilden- und Wilhelmschule gehen, wissen, wer zu welcher Religion gehört? An der Kleidung sind die Geistlichen vor dem Altar kaum zu unterscheiden. Lange Gewänder tragen alle: Die Protestantin im schwarzen Talar, der katholische Pfarrer Hans Blamm in einem weißen, der Hodscha in einem blassgelben Gewand und seine Frau, die Religionslehrerin Sultan Ergün, in Schwarz, vom Fuß bis zum Scheitel.

Die Kinder beobachten sie interessiert. Es gibt gemeinsame Lieder und Gebete, aber auch spezielle Gesänge für die verschiedenen Religionen. Als der Hodscha auf Arabisch singt, bewegen einige Kinder die Lippen. Beim Beten falten die einen die Hände, andere öffnen sie nach oben, gerade so, wie sie es gelernt haben. Nur manchmal gibt es Irritationen. »Du bist doch kein Christ«, zischt ein Junge einem Mädchen zu, das beim Vaterunser aufsteht. Dann verteilt der Hodscha Datteln aus Medina unter den neuen Erstklässlern. Der Brauch geht auf den Propheten Mohamed zurück. Die Datteln sind in Papier eingepackt, auf dem ein Spruch des Propheten steht, der ähnlich auch von Jesus überliefert ist: Wer der Größte sein will, der helfe den anderen.

Atbaie Hadia aus der Mevlana-Gemeinde, die ihre Tochter einschult, strahlt: »Das hat mir gefallen, dass Muslime und Christen zusammen sind.«

»Schön«, sagt auch Alessandros Mutter Caterina Balsamo, »alle Menschen sollen sich verstehen.« Die Pfarrerin ist erleichtert. Experiment geglückt. Der Hodscha sagt zu, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein. »Wir sind doch alle Dienstnehmer des einen Gottes«, pflichtet der katholische Pfarrer bei.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Autorin:
Madeleine Reckmann
Weitere Informationen:

Aus: Frankfurter Rundschau, 26. August 2009