Begegnung ist Friedensarbeit – Bibel, Koran und Tora geben sich die Hand …

 
Sylvia Dieter - Foto: privat

Auf der etwas anderen Begegnungsreise besuchen Musliminnen, Jüdinnen und Christinnen miteinander die heiligen Stätten ihres Glaubens, um die jeweiligen Wurzeln ihrer Spiritualität kennen zu lernen. Das Besondere: Die teilnehmenden Frauen erzählen sich ihre Geschichte und erleben, was ihnen jeweils Religion und Glauben bedeuten.

Eine Gruppe von knapp dreißig Frauen verschiedener Herkunft und Biografien aus Stuttgart und Ravensburg machten sich auf eine christliche, muslimische und jüdische Spurensuche. In Ravensburg angekommen, wurden wir von den dortigen Frauen herzlich empfangen. Die Migrantinnen stammen aus dem Iran, der Türkei, aus Georgien, der Ukraine und Russland. Die Einheimischen wohnen im Großraum Stuttgart und Ravensburg. Nach einem kurzen Kennenlernen pilgerten wir miteinander zu den heiligen Stätten des jeweiligen Glaubens: zur Evangelischen Stadtkirche, in der wir mit einem herrlichen, von allen bewunderten Orgelspiel empfangen wurden; zur Moschee, in der uns der Hodscha persönlich begrüßte und zur katholischen Jodok-Kirche, wo die Bilder und Ideen aus der Arbeit mit Kindern einen besonderen Eindruck hinterließen.

Auf dem Weg zwischen den Gotteshäusern gedachte die Pilgergruppe der bis 1945 in Europa und speziell in Deutschland ermordeten Juden, indem sie eine weiße Rose an zwei Stolpersteinen im Ravensburger Zentrum niederlegten und an die Errungenschaften der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie der gemeinsamen Wurzeln der drei Abrahamischen Religionen erinnerte.

Es nahmen Christinnen aus verschiedenen Konfessionen teil, Jüdinnen aus Russland und Muslimas. Sie sprachen über Liturgien in den Gottesdiensten, Rituale der Zugehörigkeit, Symbole des Glaubens und der Bestattung sowie ihre Bedeutung für den Alltag. Neben den religiösen Symbolen drehte sich das Gespräch in den Räumen der christlichen Kirchen um die Rolle der Person des Propheten und des Gottessohns Jesu sowie seine Bedeutung für Sterben und Leben: Was ist uns Trost, was gibt uns Kraft und wie haben die Menschen in den verschiedenen Epochen ihren Glauben gelebt?

Es gab so vieles zu entdecken, nicht nur in der eigenen Kultur, wie einige Äußerungen zeigen: »Jede lernt von jeder«, »Immer wieder entdecke ich etwas Neues«, »Glockenläuten ist der Ruf zum Gebet, wie der Ruf des Muezzins« oder »Wir haben einen Gott, wenn wir ihn auch mit unterschiedlichen Namen anrufen und mit unterschiedlichen Ritualen ehren«. Wir staunten über so viel Gemeinsames, das unseren jeweiligen Glauben ausmacht: den einen Gott, der Schöpfer der Welt, das Gebet zu Gott, die Liebe und Verantwortung für Mitmenschen und Natur.

Dieses Miteinander zu gestalten im Leben wie im Sterben zeigte uns der Weg in Ravensburg. Der Hodscha der sunnitischen Gemeinde erzählte uns, dass die muslimische Bevölkerung auf dem städtischen Friedhof muslimisch beerdigt werden kann. Das bedeutet, die Gräber sind nach Osten ausgerichtet und die nötigen islamischen Rituale werden ermöglicht. Ist das nicht ein guter Weg der Integration? Gilt dies nicht für uns alle? Wo wir unsere Familienangehörigen, unsere Lieben, zur ewigen Ruhe unserem Glauben gemäß begraben können, da vertieft sich die Zugehörigkeit. Hier lohnt es sich weiterzudenken.

Während des gemeinsamen Picknicks kamen wir uns näher. Rezepte wurden ausgetauscht und in kleinen Gruppen wurden die Gespräche persönlicher. Eine besondere Freude war, dass es den alevitischen Frauen zeitlich doch noch möglich war, vorbeizukommen. Ihnen hätten wir gerne noch länger zugehört oder miteinander über die verschiedenen Richtungen des Islams und deren unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklungen diskutiert, die in den abweichenden Interpretationen des Korans sichtbar werden. Eine Frau meinte, das sei ähnlich wie die verschiedenen Richtungen im Christentum.

Wir Frauen sind überzeugt, nur durch solche und ähnliche Begegnungen können wir Vorurteile abbauen, den unsäglichen Kriegen entgegensteuern und den Zwist der Religionen überwinden. Als Initiatorin freue ich mich über diesen Dialog, der zur Integration beiträgt. Es ist wichtig, gemeinsam über den Reichtum der Kulturen und Religionen zu staunen und diese miteinander verstehen zu lernen. Wie wichtig es für ein gelingendes friedliches Zusammenleben ist, sich im Gespräch auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, habe ich bei mehreren Auslandsaufenthalten erfahren. Diese Art der integrierenden Begegnung möchten die Frauen gerne zukünftig fortsetzen, an Ideen wird bereits gearbeitet.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Autorin:
Sylvia Dieter
Weitere Informationen:

Leicht gekürzte Fassung aus: Offene Kirche, Nr. 2 / November 2009

Sylvia Dieter ist Referentin für das Projekt »Arbeit mit allein lebenden Frauen« im Fachbereich Frauen in Familie und Lebensformen.

Kontakt:
Evangelische Frauen in Württemberg
Danneckerstr. 18, 70182 Stuttgart
Tel. 0711 / 24 59 51
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