Teilhabe fördern – Armut und Ausgrenzung beenden

 
Das Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010
Prälat Dr. Peter Neher - Foto: DCV

Das Jahr 2010 wurde von der EU als Europäisches Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung benannt. In diesem Jahr will die EU Bewusstsein schaffen für die Probleme von Armut und sozialer Ausgrenzung und zugleich die politische Aufmerksamkeit bündeln. Es hat folgende Ziele und Leitprinzipien:1

Die Anerkennung von Rechten: Das Grundrecht der von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffenen auf ein Leben in Würde und umfassender Teilhabe an der Gesellschaft muss anerkannt werden. Dazu soll ein schärferes Bewusstsein der Öffentlichkeit, die Förderung des effektiven Zugangs zu sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechten sowie zu ausreichenden Ressourcen beitragen. Stereotypen und Stigmatisierung sollen bekämpft werden.

Gemeinsame Verantwortung und Teilhabe: Dies beinhaltet die Information der Öffentlichkeit mit den Anliegen des Europäischen Jahres unter Betonung der Verantwortung der Allgemeinheit und des Einzelnen, Förderung und Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeit und Sensibilisierung sowie Engagement dafür.

Zusammenhalt: Der soziale Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft soll gefördert werden. Dies soll auch dadurch geschehen, dass die Öffentlichkeit für die Vorteile sensibilisiert wird, die mit einer Gesellschaft verbunden sind, in der es möglichst wenig Armut gibt, in der eine gerechte Verteilung ermöglicht wird und in der niemand ausgegrenzt wird.

Engagement und konkretes Handeln: Das Engagement zur Beseitigung von Armut und sozialer Ausgrenzung soll in der Politik, bei den sonstigen gesellschaftlichen Akteuren sowie den ehrenamtlich Tätigen gefördert werden.

Eine Priorität soll im Europäischen Jahr auch auf der Überwindung von Diskriminierung und Förderung der sozialen Eingliederung von Zuwanderern und ethnischen Minderheiten liegen.

Gleiches Anliegen der interkulturellen Woche und des Europäischen Jahres

Die Ziele des diesjährigen Europäischen Jahres sind sehr eng mit dem Motto der Interkulturellen Woche »Zusammenhalten – Zukunft gewinnen« verbunden. Die Betonung von Zusammenhalt und Überwindung sozialer Ausgrenzung sind beiden Initiativen ein Grundanliegen. Um den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu stärken, ist es aus Sicht der Caritas unerlässlich, die Vielfalt eines Landes zu achten und zu bejahen – und zwar in allen ihren Aspekte, kulturell, ethnisch, sozial, religiös und politisch. Nur dann entwickelt sich ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Dies erfordert von allen Beteiligten Achtung und Respekt und die Bereitschaft, sich aktiv und konstruktiv über Werte, Kultur, Ethik und Religion auseinanderzusetzen.

In den letzten Jahren ist Deutschland diesbezüglich einen weiten Weg gegangen. Mittlerweile ist es bis in die letzte Ecke von Politik und Gesellschaft vorgedrungen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Eine kulturell vielfältige Gesellschaft ist keine Zukunftsvision, sondern Realität. Jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Eine Migrationsgeschichte ist also längst keine exotische Ausnahmesituation mehr. »Integration beginnt im Kopf« hieß im Jahr 2006 die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes. Vieles ist in den letzten Jahren in den Köpfen und in der Praxis geschehen. Es gab die Integrationsgipfel, den nationalen Integrationsplan und es gibt viele Projekte zur Förderung der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Doch trotz aller Integrationsmaßnahmen gibt es noch viele Baustellen und Fremdheiten. Die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund ist längst noch nicht in allen Bereichen der Gesellschaft realisiert.

Die Caritas im Europäischen Jahr 2010

So unterstützt die Caritas zum Europäischen Jahr die Kampagne »Zero Poverty – Gemeinsam gegen Armut«. 47 europäische Caritasverbände in 43 Ländern engagieren sich gemeinsam für die Vision »Zero Poverty«. Ziele der Kampagne sind die Bekämpfung der Kinderarmut, ein Mindestmaß an sozialer Sicherung, eine Verbesserung der Zugänge zu Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen und die Sicherung guter Beschäftigungsverhältnisse in Europa. In all diesen Bereichen soll ausgegrenzten Gruppen wie z.B. ethnischen Minderheiten besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Die Initiative für selbstbestimmte Teilhabe

Zum anderen führt der Deutsche Caritasverband in den Jahren 2009 bis 2011 die Initiative für selbstbestimmte Teilhabe durch, die für die Förderung selbstbestimmter Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft eintritt. Motivation für den Deutsche Caritasverband ist die Erkenntnis, dass Teilhabe ein Grundbedürfnis eines jedes Menschen ist. Eine der Grundfähigkeiten, die zu einem menschenwürdigen Leben gehören, ist die Fähigkeit, dieses zu gestalten und sich auf familiäre und gesellschaftliche Interaktion einzulassen. Das alles setzt Teilhabe voraus.

Alle Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Teilhabe an politischen und wirtschaftlichen Prozessen. Sie haben auch ein Recht auf soziale und kulturelle Teilhabe. Teilhabe bedeutet dazuzugehören, einen Platz in der Gesellschaft zu haben und gebraucht zu werden. Sie heißt auch, Handlungsspielräume zu haben und die eigene Lebenssituation verändern zu können. Menschen, die in verfestigter Armut leben und ausgegrenzt sind, haben diese Teilhabechancen nicht oder nur kaum. Sie fühlen sich oft abgehängt von den Prozessen und der Zukunft einer Gesellschaft.2

Dieses Gefühl kennen gerade in Deutschland auch viele junge Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Überproportional häufig sind sie auf der Haupt- oder Förderschule und haben deutlich schlechtere Bildungschancen. Nicht weil sie weniger Talente haben, sondern weil sie oft weniger gefördert werden, schlechtere Sprachkenntnisse haben und ihnen viele Vorurteile begegnen. Diese Situation trifft längst nicht auf alle jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu, aber sie sind besonders häufig von diesen Problemen aus verschiedensten Gründen betroffen. Schlechtere Bildungschancen stellen auch ein langfristiges Benachteiligungsrisiko dar. Deshalb sind Projekte wie »Unternehmen BOB: Berufliche Orientierung und Beschäftigung für junge Zuwanderer im Kreis Mettmann« so wichtig. Sie geben jungen Menschen mit einer Migrationsgeschichte eine Orientierungshilfe und helfen, ihre Stärken zu entdecken und Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu finden. Solche Projekte arbeiten auch daran, Vorteile bei Arbeitgebern abzubauen. Dies ist ein wichtiger Schritt zu Verbesserung der Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Selbstbestimmte Teilhabe durch Zugang zum bürgerschaftlichen Engagement

Die Selbstbestimmung stellt eine wichtige Ergänzung zur Teilhabe dar. Die Selbstbestimmung ist begründet in der jedem Menschen von Gott geschenkten Würde. Jeder muss über seine Teilhabe selbst bestimmen können. Der Begriff Selbstbestimmung stellt zugleich einen Paradigmenwechsel dar, weg vom Modell der »Fürsorge« hin zu (mehr) Eigenverantwortung der Menschen, wie sie ihre Teilhabe verwirklichen. Selbstbestimmte Teilhabe ist natürlich nicht als Egoismus zu verstehen. Das Recht auf selbstbestimmte Teilhabe steht in einem Wechselverhältnis zur Pflicht des einzelnen zur Solidarität. Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund interessieren sich sehr für bürgerschaftliches Engagement. »Das Freiwillige Soziale Jahr war die beste Erfahrung, die ich gemacht habe. Ich habe mich selber kennengelernt und gelernt, zu was ich fähig bin«, resümiert ein 24-jähriger FSJ-Freiwilliger türkischer Herkunft. Trotz der Tatsache, dass Jugendfreiwilligendienste sich bundesweit einer steigenden Beliebtheit erfreuen, machen hiesige junge Menschen mit Migrationshintergrund proportional seltener ein FSJ: Teilhabechancen bedeutet aber auch, den gleichen Zugang wie andere zu allen Formen des gesellschaftlichen Engagements zu haben.

Letztendlich ist selbstbestimmte Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund dann realisiert, wenn sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen können. Denn Teilhabe heißt auch, sich gerade nicht in einer Sonderrolle zu fühlen, sondern als Bürger wie jeder andere. Dies kann nur gelingen, wenn unsere Gesellschaft die Vision von einer kulturell vielfältigen Gesellschaft weiterentwickelt und lernt, wirklich inklusiv zu sein, also jedem die Möglichkeit zu geben, sich frei und solidarisch in diesem Land zu entfalten. Dazu leistet die Interkulturelle Woche seit Jahren einen wichtigen Beitrag. Im Europäischen Jahr 2010 gegen Armut und soziale Ausgrenzung kann die Interkulturelle Woche darauf aufmerksam machen, wo Menschen mit Migrationshintergrund besonders benachteiligt sind und wie Zugewanderte und Einheimische zu einer selbstbestimmten Teilhabe aller in der Gesellschaft beitragen können.

1  Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates über das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung (2010)
2  Ulrike Kostka, Anna Maria Riedl, Nur wer sich einbringen kann, gehört dazu, neue caritas 12/2009

Zusätzliche Bilder
 
Materialheft:
Gliederung 2010
Schlagworte:
Autor:
Prälat Dr. Peter Neher
Weitere Informationen:

Prälat Dr. Peter Neher ist Präsident des Deutschen Caritasverbandes.

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