Migranten und Flüchtlinge im Kontext des ökumenischen, interreligiösen und kulturellen Dialogs

 
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Wir leben in einer globalisierten Welt. Wir sind gewöhnt, von einer Globalisierung der Finanz- und Wirtschaftsmärkte zu sprechen – wie aktuell das ist, haben wir gerade in den letzten Jahren erfahren; wir sind gewöhnt, von einer Globalisierung der Warenmärkte zu sprechen, von einer Globalisierung der Tourismus- und der Kommunikationsmärkte. Übersehen wird allerdings, dass untrennbar damit verbunden ist eine Globalisierung der Wanderung, eine Globalisierung der Not, eine Globalisierung des menschlichen Lebens und vor allem eine Globalisierung der Mitverantwortung.

Vor diesem Hintergrund ist Integration eine höchst aktuelle und bleibende Herausforderung an alle.

Integration der Migranten und Flüchtlinge – eine aktuelle und bleibende Herausforderung.

»Integration fördern – Zusammenleben gestalten« – unter diesem Titel haben die Deutschen Bischöfe 2004 ein Wort zur Integration von Migranten veröffentlicht.

Beide Aspekte gehören zusammen: Wer Ja sagt zur Zuwanderung, wer Ja sagt zur Aufnahme von Flüchtlingen, muss auch Ja sagen zur Eingliederung dieser Menschen in die aufnehmende Gesellschaft.

Integration steht darum auf drei Säulen: Als Erstes muss Verständigung möglich sein. Das setzt eine ausreichende Kenntnis der Sprache des neuen Landes voraus, aber auch gegenseitige Wertschätzung. Die zweite Säule ist: Migranten und Flüchtlinge müssen ihren Lebensunterhalt sichern können; darum müssen sie Möglichkeiten erhalten, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, um für sich selbst sorgen zu können. Integration bedeutet drittens: dass Migranten und Flüchtlinge in ihrer Weise teilnehmen können am Leben der Gesellschaft; das ist eine wachsende Partizipation an der Gestaltung des Gemeinwesens bis hin zur Teilnahme am politischen Leben mit der notwendigen Wahlberechtigung.

Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung der Welt gehören Migration und Flucht zur Wirklichkeit dieser Welt und sind nicht nur ein vorübergehendes Phänomen. Das ist der wichtige Akzent, den die Instruktion »Erga migrantes caritas Christi« in den Mittelpunkt stellt. Migranten und Flüchtlinge gehören darum zur Wirklichkeit der aufnehmenden Länder; sie werden in der Regel auf Dauer dort bleiben. Darum gibt es keine Alternative zu einer recht verstandenen Integration. Ob sich jemand in die neue Gesellschaft des aufnehmenden Landes integriert, sich auf das Leben und die Lebensbedingungen innerlich einlässt, das hängt u. a. entscheidend davon ab, ob sich der Fremde akzeptiert weiß, ob er Vertrauen haben kann in die Gesellschaft, ob er einigermaßen sicher sein kann, dass er dort bleiben darf, dass man ihn dort will. Eine Migrationsgesellschaft mit ihrer ganzen Vielfalt bringt darum stets Risiken mit sich, aber auch große Chancen. Das ist in jedem Fall eine Herausforderung.

Wenn sich die Kirche in den gesellschaftlichen Diskurs über Migration und Integration einbringt, so tut sie das auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung; sie weiß, wovon sie spricht.

Migration und Flucht gehören zu ihrer eigenen Geschichte: sowohl zur Geschichte des Volkes Israel als auch zur Geschichte des neuen Israel, der Kirche Jesu Christi.
Hinzukommt, dass die traditionell christlichen Länder, vor allem Euro-pas, selbst über lange Zeit Länder der Auswanderung gewesen sind und das Schicksal selbst erfahren haben.

Annäherung an eine stabilere Integration im Kontext des ökumenischen, interreligiösen und kulturellen Dialogs.

Der ökumenische Dialog hat zwei wichtige Wurzeln: In Deutschland, dem Land der Reformation, haben Christen der katholischen wie auch der evangelischen Kirche im Widerstand gegen die Diktatur des Nationalsozialismus gemeinsam Zeugnis gegeben für den Glauben und haben als Märtyrer ihr Leben gelassen. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges sahen sich Christen der verschiedenen Konfessionen verpflichtet, sich den Folgen des Krieges gemeinsam zu stellen.

Die zweite Wurzel ist sicherlich das 2. Vatikanische Konzil sowohl im Dekret zum Ökumenismus als auch im Dekret über das Verhältnis der Christen zu den nichtchristlichen Religionen.
Diese ökumenische Zusammenarbeit hat eine neue Qualität bekommen, als durch die Einwanderung von Migranten und Flüchtlingen und ihren Familien Angehörige der verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften in unser Land kamen und eine gemeinsame Herausforderung waren.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Schlagworte:
Autor:
Weihbischof Dr. Josef Voß †
Weitere Informationen:

Auszüge aus dem Vortrag, den Weihbischof Dr. Josef Voß im November 2009 vor dem Weltkongress in Rom gehalten hat.