»Inklusion« – die einbeziehende Gesellschaft

 

•»Integration? Nicht Assimilation, sondern ›gleiche Rechte für alle‹, das verstehen wir darunter.« So sahen es viele Teilnehmer der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2010 in Leipzig. Integration heißt Herstellung von Chancengleichheit und Teilhabe, und das lässt sich nur in einem wechselseitigen Prozess zwischen den Einzelnen und der Gesellschaft erreichen.

Doch das Integrationsverständnis des deutschen Stammtisches, das in so manchen Wahlkampfreden bereitwillig aufgegriffen wird, ist ein anderes. Deutsch zu sprechen und ansonsten Wohlverhalten, dabei möglichst weder Arbeitsplätze zu besetzen noch den Sozialkassen auf der Tasche zu liegen, wird von Eingewanderten verlangt. Eingewanderte erscheinen so stets als Mängelwesen, die einer gewissen Verwandlung bedürfen, um dieselben Standards (z.B. hinsichtlich Aufklärung) wie die Stammbevölkerung zu erreichen.

Meist, so schreibt die Publizistin Heide Oestreich, werde unter Integration so etwas wie »Anpassung fordern und Diskriminierung beibehalten« verstanden.

In der Politik wird »Integration« je nach Bedarf in beiden Bedeutungen benutzt, was bei den Eingewanderten nicht gut ankommt und integrationspolitisch nur zu Verwirrung führen kann. Die Vereinten Nationen, die EU und der Weltrat der Kirchen bringen ein anderes Stichwort ins Spiel. Sie sprechen von »Inklusion«, was so viel wie »Einbeziehung« heißt. Kann dieser Begriff der Integrationsdebatte zu mehr Klarheit und Fairness verhelfen?

Beate Rudolf vom Deutschen Institut der Menschenrechte sagte in Leipzig, dass Inklusion zu einem Menschenrechtsbegriff geworden sei. Sie stellte den Inklusionsbegriff der UN-Behindertenrechtskonvention vor. Diese Konvention will nicht die Menschen mit Behinderung so verändern, dass sie die Standards von Nicht-Behinderten erfüllen, denn das wäre schlicht unmöglich. Vielmehr fordert sie von der Gesellschaft, sich zu verändern, indem sie alle Menschen einbezieht und ihnen Zugang zu ihren Ressourcen ermöglicht, sei es durch Unterstützung von Kindern mit Behinderung in der Regelschule, ein barrierefreies Internet oder einen Aufzug am S-Bahnsteig. Die Kinder, Internetsurfer oder Gehbehinderten werden so anerkannt, wie sie sind.

Auch der Weltrat der Kirchen sieht in der Suche nach Gerechtigkeit den Bedarf nach Veränderung bei der Gesellschaft. Sein Arbeitsprogramm dazu heißt »towards just and inclusive communities« und schließt Themen von Rassismus bis Behinderung ein. Seine Vision ist eine einbeziehende Gemeinschaft, wo die Identität einer jeden Person gedeihen kann, wo Unterschiede erlaubt sind und diskutiert werden. Die Evangelische Kirche in Deutschland greift in ihrem 2009 erschienenen Diskussionspapier »Vielfalt anerkennen und gestalten« die Idee der Inklusion auf. Sie empfiehlt, sich in der Debatte um die Einwanderungsgesellschaft die eigene Perspektive bewusst zu machen. Wenn die Kirche von den Alteingesessenen als »wir« und von Zugewanderten, die zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben oder eingebürgert sind, als den »Fremden« spricht, beteiligt sie sich ungewollt an der Ausgrenzung. Der EKD-Text ermuntert dagegen zum Umdenken: »Nicht immer ist es hilfreich, die eigene kulturelle Herkunft als absoluten Bezugspunkt zu nehmen, zumal die deutsche Kultur gar nicht in sich homogen ist.«

Die EU verwendet den Begriff der Inklusion in ihren »Gemeinsamen Grundprinzipien für die Politik der Integration von Einwanderern in der Europäischen Union« von 2004 sowie in den Bereichen Arbeitsmarkt und Armutsbekämpfung. In der guten fachlichen Praxis ist meistens Inklusion gemeint, wenn von »Integration« die Rede ist. Das gilt auch für Fachveröffentlichungen kirchlicher und vieler anderer Organisationen.

Auf der Leipziger Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche wurde bezweifelt, ob es realistisch wäre, fortan »Integration« durch den ebenfalls nicht unmittelbar eingängigen Begriff Inklusion zu ersetzen. Er ist aber zumindest hilfreich, zum neuen Nachdenken darüber anzuregen, was Integration im Sinne sozialer Akzeptanz und Teilhabe heißt: nämlich »gleiche Rechte für alle«.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Schlagworte:
Autor:
Johannes Brandstäter
Weitere Informationen:

Johannes Brandstäter ist Referent für migrationspolitische Grundsatzfragen beim Diakonischen Werk der EKD, Zentrum Familie – Integration – Bildung – Armut  (FIBA), und Mitglied im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss.

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