Bildung von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund

 
(C) Thomas Plaßmann

Eine gute Allgemeinbildung und eine fundierte Berufsausbildung in einem anerkannten und auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Ausbildungsberuf sind zentrale Voraussetzungen für die Chance, eine berufliche Existenz aufzubauen und eine eigenständige Lebensplanung und -gestaltung zu begründen. Dies gilt – unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit und der kulturellen Herkunft – für alle in Deutschland lebenden Jugendliche. Der folgende Beitrag fragt danach, inwiefern sich die Realisierung dieser Chance unter Mädchen und Jungen mit und ohne Migrationshintergrund (MH) unterscheidet.

In Deutschland sind das allgemeinbildende Schulsystem, das Berufsausbildungssystem und der Erwerbsbereich eng miteinander verzahnt. Ein Hauptschulabschluss eröffnet i.d.R. geringere Chancen als ein Realschul- oder Gymnasialabschluss, in eine anspruchsvolle und qualifizierte berufliche Ausbildung und eine daran anknüpfende Erwerbstätigkeit einzumünden. Vorliegende Daten der amtlichen Statistik zur Verteilung von deutschen und ausländischen SchülerInnen auf unterschiedliche Schularten der Sekundarstufe weisen für das Schuljahr 2006/07 Folgendes auf: Während unter den deutschen Sekundar-SchülerInnen nur 12,6 % der Mädchen und 16,7 % der Jungen eine Hauptschule besuchen, sind es unter den ausländischen Sekundar-SchülerInnen 33,9 % der Mädchen und 39,7 % der Jungen. Das Risiko, sich mit einer nur geringen Bildungsressource in den Konkurrenzkampf um Ausbildungsstellen zu begeben, ist demzufolge bei ausländische Jungen am höchsten und bei deutschen Mädchen am niedrigsten. Differenziert man jedoch die ausländischen HauptschülerInnen nach ihrer jeweiligen Nationalität, so zeigen sich eklatante Unterschiede: Von den Mädchen aus den GUS-Staaten (russische Förderation) besuchen nur 18,5 %, von den türkischen Mädchen hingegen 38,8 % und den serbischen/montenegrischen Mädchen 49,6 % eine Hauptschule, wobei die Anteile der Jungen noch jeweils über denjenigen der Mädchen liegen. Diese nach Herkunftskultur differenzierenden Daten machen deutlich, dass die Gruppe der ausländischen SchülerInnen heterogen ist und sich die Bildungsrisiken unterschiedlich darstellen.

Vergleicht man im Kontrast dazu die Verteilung von deutschen und ausländischen SchülerInnen, die ein Gymnasium besuchen, ergibt sich folgendes Bild: Während unter den deutschen Sekundar-SchülerInnen fast die Hälfte der Mädchen (47,4 %) und 41,7 % der Jungen ein Gymnasium besuchen, sind es unter den ausländischen Sekundar-SchülerInnen nur 23,1 % der Mädchen und 19,1 % der Jungen. Auch hier zeigen sich eklatante Unterschiede nach Nationalitätenzugehörigkeit: So gibt es nur sehr geringe Unterschiede zwischen deutschen Gymnasiastinnen und den aus den GUS-Staaten stammenden Mädchen, die ebenfalls fast zur Hälfte (45,4 %) ein Gymnasium besuchen. Bei den türkischen Mädchen sind es jedoch nur 14,8 % und bei den serbisch/montenegrischen Mädchen 12,5 %, wobei bei allen hier betrachteten wie auch weiteren ausländischen Nationalitätengruppen durchweg festzustellen ist, dass Mädchen zu höheren Anteilen als Jungen ein Gymnasium besuchen.

Relativ ausgeglichen sind die Anteile deutscher und ausländischer Sekundar-SchülerInnen – selbst entlang ihrer Nationalitätszugehörigkeit –, die die Realschule besuchen. Auffallend ist hier erneut, dass die ausländischen Mädchen, gleichgültig welcher Nationalität sie angehören, meist zu höheren Anteilen die Realschule besuchen als die ausländischen Jungen.

Die obigen Befunde widersprechen einem weit verbreiteten Negativ-Klischee unter Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, dass Eltern mit Migrationshintergrung die Bildungsmöglichkeiten ihrer Töchter weniger fördern und unterstützten als diejenigen ihrer Söhne. Vorliegende Forschungsergebnisse zeigen u.a., dass ausländische SchülerInnen am Ende der Grundschulzeit – selbst bei gleichem Leistungsniveau wie deutsche SchülerInnen – seltener eine Empfehlung für den Übertritt in ein Gymnasium erhalten als deutsche SchülerInnen. Um den Anteil Jugendlicher mit Migrationshintergrung im Gymnasium zu erhöhen und in der Hauptschule zu verringern, muss – neben anderen Fördermaßnahmen – das Empfehlungsverhalten von Lehrkräften auf den Prüfstand.

Der Besuch eines bestimmten Schultyps sagt allerdings noch nichts darüber aus, welche Schulabschlüsse tatsächlich erreicht werden. Von den ausländischen SchülerInnen in allgemein bildenden Schulen erlangten im Jahr 2006 42,8 % der Jungen sowie 40,3 % der Mädchen einen Hauptschulabschluss und weitere 19,8 % der Jungen sowie 13,5 % der Mädchen blieben ohne Hauptschulabschluss. Dies bedeutet, dass fast zwei Drittel der ausländischen Jungen und gut die Hälfte der Mädchen keine gute Startposition erreichen, um eine Ausbildungsstelle zu finden. Im Vergleich dazu befinden sich lediglich ein Drittel der deutsche Jungen sowie ein Viertel der Mädchen in einer solch prekären Situation. Obwohl der Besuch der Realschule zwischen deutschen und ausländischen SchülerInnen relativ ausgewogen ist, schließen lediglich 28,3 % der ausländischen Jungen sowie 33,5 % der Mädchen diese Schulform erfolgreich ab, während dies mit 40,9 % der deutschen Jungen sowie 43,4 % der Mädchen deutlich häufiger der Fall ist. Große Unterschiede bestehen auch bei den Gymnasialabschlüssen. Nur 9,1 % der ausländischen Jungen sowie 12,7 % der Mädchen erlangen die Hochschulreife, während dies bei 24,4 % der deutschen Jungen sowie 32,3 % der Mädchen der Fall ist. So prekär diese Situation auch ist, so sei dennoch darauf hingewiesen, dass das Niveau der Schulbildungsabschlüsse von Migrantenjugendlichen seit Jahren ansteigt. Dieser Prozess vollzieht sich allerdings sehr langsam und sollte durch zielgerichtete individuelle Förderung beschleunigt werden.

Nach dem Berufsbildungsbericht 2008 befindet sich im Jahr 2006 weniger als ein Viertel (23 %) der ausländischen Jugendlichen im Alter von 18 - 21 Jahren in einer dualen Berufsausbildung, während dies bei mehr als der Hälfte (56,9 %) der deutschen Jugendlichen der Fall ist. Dies allein mit niedrigen Schulabschlüssen der ausländischen Jugendlichen zu erklären, ist nicht ausreichend, denn vorliegende Studien zeigen, dass ausländische RealschulabsolventInnen deutlich niedrigere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben als deutsche RealschülerInnen. Deswegen wird im jüngsten Berufsbildungsbericht vermutet, dass Personaleinsteller Vorbehalte gegenüber ausländischen BewerberInnen haben. Trotz dieser Situation konnten ausländische Mädchen ihre Position im dualen Ausbildungsbereich im Vergleich zu ausländischen Jungen in den letzten Jahren verbessern. Während der Abstand der Mädchen zu den Jungen in 1993 noch minus 28,6 % Prozentpunkte betrug, reduzierte er sich in 2006 auf minus 10,6 Prozentpunkte. Es ist damit zu rechnen, dass Mädchen mit Migrationshintergrung künftig zu gleichen Anteilen wie Jungen eine berufliche Ausbildung durchlaufen. Dennoch ist anzumerken, dass sich das den Mädchen zur Verfügung stehende Angebot auf ein sehr enges Berufsspektrum konzentriert. 1998 wurde mehr als die Hälfte ausländischer Mädchen in nur vier Berufen ausgebildet, die eher zu den Sackgassenberufen zählen. Diese Situation scheint sich nach den Daten des Berufsbildungsberichts 2008 bis zum heutigen Tage nicht verändert zu haben. Damit Mädchen mit Migrationshintergrung ihre getätigten Bildungsinvestitionen besser amortisieren können, ist es auf Seiten der ausbildenden Betriebe nötig, eine an Diversity Management orientierte Personalrekrutierung zu betreiben, die dem Kriterium Geschlecht und Herkunftskultur stärkeres Gewicht verleiht.

Zusätzliche Bilder
 
Materialheft:
Gliederung 2010
Autorin:
Dr. Iris Bednarz-Braun
Weitere Informationen:

Dr. Iris Bednarz-Braun ist Leiterin der Forschungsgruppe Migration, Integration und interethnisches Zusammenleben am Deutschen Jugendinstitut.

Kontakt:
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Tel.: 0 89 / 623 06 - 222
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