Von den wahren Verwandten Jesu

 
Predigt zu Mt 12, 46 - 50
Foto: bph

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Wer sind die wahren Verwandten Jesu? Wer gehört zu seiner Familie? Das Evangelium, das wir eben hörten, stellt diese Frage. Es weitet unseren Blick über die engen Beziehungen des gewohnten und alltäglichen Lebens hinaus. Es lässt uns auf jene schauen, die jenseits unserer vertrauten Umgebung, jenseits unserer Familien, unserer Pfarreien und Gemeinden leben und die dennoch oder gerade deswegen zu uns gehören. »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen« – mit diesen Worten weiß sich Jesus herausgefordert, eine grundsätz1iche Antwort zu geben.

Dazugehören oder Nicht-Dazugehören – von solchen Erfahrungen ist unser Leben immer geprägt. Auf schmerzliche und lebensbedrohende Weise haben Sie, die Sie aus Ihrem vertrauten Lebensumfeld fliehen mussten, dieser Frage sich stellen müssen: Wohin gehören wir, wo sind unsere Freunde und Verwandten, was ist unsere Heimat? Wo finden wir einen Raum des Lebens, der Sicherheit, des freundschaftlichen Umgangs miteinander? Wo können wir neu Vertrauen aufbauen? Die Verfolgungssituation in Ihrem Heimatland hat Sie gezwungen, zu fliehen und die vertraute Umgebung Ihres Wohnortes, Ihrer Familie, Ihrer Glaubensgemeinschaft zu verlassen. Dabei hätte jeder von Ihnen es vorgezogen, dort bleiben und leben zu können, wo seit Generationen Ihre Wurzeln sind. Und jeder von uns hätte es Ihnen von Herzen gewünscht. Nun aber mussten Sie fliehen und Sie halten Ausschau nach einem neuen Leben, nach einer neuen Heimat, nach einer neuen Nähe zu den Menschen, nach Freundschaft und Geborgenheit.

Sie sind zu uns gekommen – vor allem dank der Intervention der politisch Verantwortlichen in unserem Land im Zusammenwirken mit den Kirchen und den Wohlfahrtsverbänden. Wir sind mit Ihnen dankbar, dass dies möglich war. Sie wissen aber auch, dass die entscheidende Aufgabe noch vor uns liegt: Es gilt, eine Zusammengehörigkeit, ein lebendiges Miteinander zu fördern. Es gilt, Fremdheit zu überwinden und Nähe zu gestalten. Sie sollen in dieser Stunde wissen: Sie sind uns von Herzen willkommen! Ich sage dies als Bischof der Diözese, in dessen Gebiet Friedland liegt, ich sage dies zugleich im Namen meines evangelischen Amtsbruders, Bischof Weber von Braunschweig, und ich sage dies im Namen aller Christen in Deutschland: Seien Sie uns herzlich willkommen! Viele Menschen werden bereit sein, Ihnen zu helfen, damit Sie sich bald in Ihrer neuen Umgebung zurechtfinden und gut einleben. Ich rufe vor allem die ehrenamtlich engagierten Christen in unseren Kirchengemeinden dazu auf: Gehen Sie aktiv auf die irakischen Flüchtlinge zu, die in Ihre Gemeinden kommen.

Wer gehört dazu, wer nicht? Wer ist uns nah, wer ist uns fremd? Das sind Kernfragen des gesellschaftlichen Lebens, es sind vor allem aber Grundfragen des Glaubens und des kirchlichen Lebens. Jesus erlaubt es uns nicht, eine falsche, exklusive Geborgenheit zu markieren und vereinfachend festzustellen: Das ist einer von uns – der gehört zu uns – und jener nicht. Jesu Anspruch ins Universale bringt das Erbarmen Gottes erst wahrhaft zur Geltung, weil es eben keinen mehr ausschließt.

Die Frage nach den wahren Verwandten beantwortet Jesus eindeutig: »Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.« Dieser sein Vater ist der Vater aller Menschen!

Liebe Schwestern und Brüder! Um diese Welt aus der Enge ihrer Verblendung herauszuführen, treten wir jenseits aller verwandtschaftlichen und kulturellen, sprachlichen und ethnischen Vertrautheiten, auch jenseits aller religiösen Abgrenzungen in eine neue Familie, in der wir einander Brüder und Schwestern sind unter dem einen Vater, der im Himmel ist. Wir bekennen uns als Christen zu dieser neuen Wirklichkeit, in der Frieden und Einheit keine Utopie bleiben dürfen, sondern berührbar und erfahrbar werden in der helfenden Begegnung aller Menschen guten Willens. Darum nochmals: Seien Sie uns willkommen als unsere Brüder und Schwestern! Amen.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
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Autor:
Bischof Norbert Trelle
Weitere Informationen:

Diese Predigt wurde beim Gottesdienst zur Begrüßung von Irak-Flüchtlingen in Friedland am 31. Oktober 2009 gehalten.

Bischof Norbert Trelle ist Bischof von Hildesheim und leitet die Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

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