Das Lebensnotwendige

 
Predigt zu Johannes 4,2-15
OLKR Dr. Christoph Münchow - Foto: Landeskirchenamt

Liebe Schwestern und Brüder !

•In der Mittagshitze bittet Jesus die samaritanische Frau »Gib mir zu trinken!« Da geht es elementar um Wasser, das Basiselement alles Lebens. Wasser ermöglicht Wachsen und Gedeihen.

Rede und Gegenrede in dieser Begegnung zwischen Jesus und der samaritanischen Frau leiten uns an, in einer tieferen Bedeutung über das Wasser nachzusinnen, das Leben ermöglicht, frisch und lebendig erhält. Wir erhalten Aufklärung über Sinn und Perspektive des Lebens und seinen für alle Zeit tragenden Grund, auch angesichts der inneren Austrocknung, Verkrustung und Mutlosigkeit, die wir bei anderen wahrnehmen oder die uns selbst zu schaffen machen.

Diese Begegnung zwischen Jesus und der samaritanischen Frau zeigt in bemerkenswerter Weise vielfache Grenzüberschreitungen Jesu – geographisch, national, kulturell, religiös – sowie Grenzüberschreitungen hinsichtlich des Verhältnisses von Männern und Frauen.

Die Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau ist eine Mutmachgeschichte und Beispielgeschichte, Barrieren zu überwinden und Partizipation zu ermöglichen
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Wenn wir uns heute um Integration, um eine Gestaltung des Zusammenlebens verschiedener Kulturen und Religionen bemühen, dann wissen wir, dass wie damals tiefe, alte Gräben und hohe Barrieren zu überwinden sind. Jesus überschreitet in dieser Geschichte in beispielgebender Weise geographische, kulturelle, religiöse Grenzen, indem er die Samaritanerin bittet, ihm mit ihrem Schöpfgefäß Wasser zu geben.

Es kommt Weiteres hinzu. Es ist ungewöhnlich, dass Jesus als jüdischer Mann eine samaritanische Frau bittet: »Gib mir Wasser zu trinken!« Wir kennen die Hochschätzung im Judentum für die Mutter, für die jiddische Mame. Hochgeehrt ist die Hausfrau, die das Festmahl zum Sederabend beim Passafest bereitet. Zugleich ist aber überliefert, das zur Zeit Jesu manche jüdische Gelehrten es ihren Schülern als unziemlich untersagten, mit einer Frau zu sprechen, weil damit das Studium der Tora vernachlässigt werde. So wundern sich auch die Jünger Jesu in unserer Geschichte, als sie aus der Stadt zurückkehren, dass Jesus mit einer Frau redet.

Jesus lässt die bestehenden Konventionen der Abgrenzung von Männern und Frauen nicht gelten. Frauen gehören zu dem größeren Kreis der Jüngerinnen und Jünger. Jesus wendet sich an die samaritanische Frau nicht als Überlegener, sondern als Bittsteller. Er bittet schlicht um das Lebensnotwendige: »Gib mir zu trinken!« Damit gibt Jesus dieser Frau Anteil an seiner Bedürftigkeit in der Mittagshitze einer langen Reise. Mit seiner Bitte nimmt Jesus teil am Leben dieser Frau, indem er sie um das bittet, was sie geben kann. Die Partizipation beginnt mit einer Bitte.

In unseren Bemühungen um ein gelingendes Zusammenleben mit Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Religionen werden wir mit Bitten um das Lebensnotwendige konfrontiert. Es geht oft um medizinische Versorgung, Übersetzungshilfe, Hilfe bei Behördengängen. Um diese Bitten zu erfüllen, ist es nötig, kulturelle und religiöse Besonderheiten wahrzunehmen und zu beachten. Zugleich ist erforderlich, über dem Unterscheidenden nicht das zu übersehen, worum wir unsererseits Menschen mit anderer Herkunft und Prägung bitten können. Partizipation beginnt, indem wir andere um das bitten, was sie mit ihren Begabungen und Fertigkeiten, mit ihrer Lebenserfahrung uns geben können. So können sie und wir zum Zusammenhalt und zu einem zukunftsfähigen Zusammenleben in unserer Gesellschaft beitragen.

Die Geschichte der Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau ist eine eindrucksvolle Beispielgeschichte und Mutmachgeschichte, über Barrieren und trennende Konventionen hinweg Partizipation zu ermöglichen als ein Geben und Nehmen, als ein Sich-Engagieren und Empfangen. Das ist gewiss ein Handeln auf Zukunft.

Die Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau ist eine Mutmachgeschichte und zugleich eine Einladung zum Glauben

An die Bitte Jesu um Wasser aus dem etwa dreißig Meter tiefen Jakobsbrunnen schließt sich ein Disput mit der samaritanischen Frau an. Er öffnet uns die Augen für die Tiefendimension des Lebens und für das grundlegend Lebensnotwendige.

Wasser ist Tag für Tag notwendig. Es ermöglicht Leben und ist die Grundlage von Wachsen und Gedeihen. Es hat in übertragener Weise in fast allen Religionen eine große Bedeutung.

Bei der Begegnung Jesu mit der Samaritanerin geht es nur vordergründig um das hastige Löschen des Durstes in der Mittagshitze. Es geht um das Löschen des Lebensdurstes, des Suchens nach dem Sinn des Lebens, nach dem lebenslangen Gedeihen und Wachsen des Menschen.

Jetzt ist Jesus nicht der Bittsteller, sondern der Schenkende: »Hättest du die Gabe Gottes erkannt und wer der ist, der zu dir gesagt hat: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gebe dir lebendiges Wasser!« Plötzlich geht es nicht mehr um das Wasser, das in der Mittagshitze den Durst löscht, sondern um das, was den Lebensdurst löscht was und alle ersehnen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit.
Was Jesus gibt, ist die Gabe einer unzerstörbaren Hoffnung, die angesichts der Widrigkeiten und auch angesichts des Todes vor ewiger Verzweiflung bewahrt. Jesus schenkt Leben, das bestehen kann und ewig Bestand hat. So erweist sich Jesus auch für diese samaritanische Frau mit ihrer prekären Lebensgeschichte als Geber von bisher nicht entdeckten Lebenschancen und unvergleichlicher Lebenshoffnung. Darum sagt Jesus zu ihr: »Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.«

Diese unvergleichliche Gabe macht die samaritanische Frau zu einer Apostelin der Sache Jesu. Sie kann nicht anders, als beglückt in die nahe gelegenen Stadt zu eilen und von ihrer Jesusbegegnung zu erzählen, wie sie ihr persönliches Leben und Schicksal bei Jesus Christus, dem Messias und Heiland aufgehoben und getragen weiß. Auf dieses Weise verdeutlicht uns hier das Evangelium die Einzigartigkeit Jesu, die an anderer Stelle in den Worten aufklingt: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.«

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir haben die Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau in zwei unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet. Diese beiden Sichtweisen sind miteinander verbunden, auch hinsichtlich unseres gemeinsamen ökumenisches Anliegens, dass uns ein gelingendes Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft und Prägung am Herzen liegt. Das Leitwort dieser Interkulturellen Woche ist dafür programmatisch: »Zusammenhalten – Zukunft gewinnen«. Was gibt uns dazu diese Jesusgeschichte zu bedenken und was legt sie uns ans Herz?

• Der christliche Glaube leitet uns an, Grenzüberschreitungen zu wagen, Barrieren nicht als unüberwindlich anzusehen und abzubauen. Wir erhalten Ermutigung und Kraft, das nicht nur zu wollen, sondern auch zu tun.

• Der christliche Glaube widerspricht einer Einstufung in Menschen Erster oder Zweiter Klasse, Gewinner oder Verlierer. Vielmehr sind alle Kinder des einen Vaters, so dass wir das Gemeinsame betonen und dann auch das Trennende ansprechen und aushalten können.

• Der christliche Glaube schenkt die Bereitschaft, anderen zu vertrauen und Zutrauen zu ihnen zu haben. Das hilft, ihre Gaben zu entdecken und Hilfesuchende nicht auf die Position von Bittstellern festzulegen. Es ist eine Chance, sie zu bitten, ihre Gaben und Fähigkeiten für uns einzusetzen. Damit geschieht eine Begegnung auf Augenhöhe, die Zusammenhalt fördert.

• Der christliche Glaube ist eine Kraftquelle für Lebendigkeit, von der wir auch anderen gern erzählen können und sollen. Wir dürfen ohne Scheu und »unverschämt« davon reden, woraus wir Kraft schöpfen. Das gilt beispielsweise für alle manchmal kräfteraubenden Bemühungen um ein selbstverständliches Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft und Prägung. Manchmal werden wir dabei herbe Enttäuschungen erleben, Enttäuschungen über andere oder über uns selbst. Es ist enttäuschend, nicht so viel zu erreichen, wie wir uns vorgenommen hatten. Es ist kräftezehrend, gegen Widerstände anrennen zu müssen, sei es von Behörden, sei es von den Menschen, um die wir uns sorgen, oder in den eigenen Reihen.

• Der christliche Glaube hilft uns, dass wir uns mit anderen über das Erreichte herzlich freuen, ohne uns mit dem Erreichten begnügen zu müssen. Wir werden die Gewissheit und Souveränität finden, dass wir nicht zum Erfolg verdammt sind, um Selbstachtung und Selbstbewusstheit zu gewinnen. Auch in schwierigen Situationen und bei Durststrecken werden wir das Lebensnotwendige an innerer Kraft und Vertrauen erhalten. Das ermöglicht eine unverkrampfte Beharrlichkeit und einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft.

Die Aufgaben sind groß, besonders wenn wir an die Herausforderungen und Gefährdungen des Zusammenlebens mit Menschen anderer Herkunft und Prägung in unserer Gesellschaft denken. Die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau ist jedoch eine Gabe-Geschichte. Gott gibt uns, einem jeden von uns und uns gemeinsam das Lebensnotwendige, ehe er uns fordert und auffordert. Für die großen und wichtigen Aufgaben die vor uns sind, schenkt er uns täglich neue Lebenskraft. Quellfrisch und quicklebendig.

Zusätzliche Bilder
 
Materialheft:
Gliederung 2010
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Autor:
OLKR Dr. Christoph Münchow
Weitere Informationen:

Den Volltext der Predigt, die am 19. Februar 2010 in der Nikolaikirche im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche gehalten wurde, können Sie einsehen unter www.interkulturellewoche.de, Rubrik: Bausteine für Gottesdienste.

Dr. Christoph Münchow ist Oberlandeskirchenrat in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens.

Kontakt:
Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Lukasstr. 6
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Tel.: 0351 / 4692-0
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