Medizin an der Basis

 
Bei der Malteser Migranten Medizin in Köln finden Menschen ohne Krankenversicherungsschutz Hilfe
Foto: Malteser

Dr. Herbert Breker hat alle Hände voll zu tun und gerade gar keine Zeit für ein Interview. Schon die erste Patientin zu Beginn seiner Sprechstunde war ein äußerst tragischer Fall. Obwohl ein Tumor ihr schon die ganze linke Brust zerfressen und Metastasen in den Knochen gebildet hatte, war sie nie zum Arzt gegangen. Bis zu diesem Morgen, als sie es vor lauter Schmerzen einfach nicht mehr aushielt. Aber was hätte sie auch tun sollen, als so genannte Illegale ohne Papiere und ohne Krankenversicherungsschutz. Aus eigener Tasche hätte die 42-Jährige aus Nigeria, die sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält, eine Behandlung nie und nimmer bezahlen können. Als sie von der Möglichkeit einer kostenlosen Behandlung bei der Malteser Migranten Medizin in Köln hörte, erschien ihr das wie ein Rettungsanker. Doch »wir können jetzt nur noch versuchen, die Symptome zu lindern mit einer Schmerztherapie«, zeigt sich der Arzt sichtlich erschüttert. An Heilung ist nicht mehr zu denken.

Der 69-jährige Leiter der Einrichtung ist es gewöhnt, dass in seine Sprechstunde vorwiegend Menschen mit deutlich schwereren Erkrankungen als in normalen Arztpraxen kommen. Hat es sich die Malteser Migranten Medizin doch zur Aufgabe gemacht, Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und Menschen ohne Krankenversicherung im Krankheitsfall ohne Bezahlung ärztliche Hilfe zukommen zu lassen. Schätzungen zufolge leben bis zu einer Million Menschen in Deutschland in der Illegalität. Mehr als 100.000 Deutsche haben keine Krankenversicherung.

Köln ist einer von zehn Standorten in Deutschland, wo die Malteser ihnen helfen. Seit die wöchentliche vierstündige Sprechstunde im Sommer 2005 eingeführt wurde, erfuhr sie immer mehr Zulauf. Neuerdings wird zusätzlich eine kinderärztliche Sprechstunde angeboten.

Die Malteser Migranten Medizin behandelt ihre Patienten anonym, speichert keine Adressen und Telefonnummern, so dass sie keine Angst vor Entdeckung und damit einer drohenden Abschiebung haben müssen. Die Kölner Einrichtung hat ihre Räume auf dem Gelände des Malteser Krankenhauses St. Hildegardis und kann dessen Infrastruktur nutzen. Darüber hinaus arbeitet sie mit 50 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zusammen, wo sie die Patienten hinschickt, wenn spezifische Untersuchungen nötig sind. Medikamente, die verabreicht werden, stammen aus Musterbeständen von Pharmafirmen und Arztpraxen. Die Mitarbeiter – neben Herbert Breker etwa eine Dermatologin, die einmal im Monat die Sprechstunde begleitet – arbeiten alle ehrenamtlich, so dass die Kosten niedrig bleiben. Werden allerdings besonders teure Untersuchungen nötig oder eine nicht lebensnotwendige Operation, bittet Breker die Patienten auch schon mal, sich teilweise an den Kosten zu beteiligen. »Notfalls sollen sie in ihrer Sippe dafür sammeln.«

Breker, der bis vor vier Jahren Chef eines Krankenhauses nahe Köln war, findet sein ehrenamtliches Medizinerdasein im Ruhestand »hoch interessant«, weil er sich mit keinerlei Hierarchien und bürokratischem Gedöns herumplagen muss. »Ich mache Medizin an der Basis, wo ich es mit elementaren Fällen vom Tumor bis zur Herzerkrankung zu tun habe.« Ganz nebenbei gewinnt er Einblicke in die unterschiedlichsten sozialen Schichten. Oft hat er es mit hoch intelligenten Leuten und »spektakulären Fällen« zu tun: Wissenschaftler, Künstler, Handwerker. Und kann nicht begreifen, dass es für sie keinen Platz in der deutschen Gesellschaft geben soll: »Wir brauchen diese Leute doch eigentlich bei uns.«

Der Gesellschaft ersparen er und sein Team unter Umständen hohe Kosten, wenn eine Krankheit rechtzeitig entdeckt und behandelt wird. Käme es zur Notfallbehandlung auf der Intensivstation, käme das den Steuerzahler teuer zu stehen. Kein Krankenhaus dürfte einen solchen Patienten abweisen, denn die Hilfeleistung im Notfall ist ein Grundrecht, das auch Menschen ohne Papiere zusteht.

Der zweite Patient dieses Tages ist gekommen, um sich zu bedanken: Vor drei Monaten war der Indonesier, der seit 40 Jahren illegal in Deutschland lebt, zum ersten Mal in der Sprechstunde erschienen, mit extrem hohem Blutdruck und einem lebensbedrohlichen Bauch-Aneurisma. Der Mann konnte gerettet werden. »Heute war er da, weil es ihm so gut geht.«

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Schlagworte:
Autorin:
Anita Rüffer
Weitere Informationen:

Kontakt: MMM@malteser-koeln.de

Aus: Mig-Mag Migrationsmagazin
Sozialcourage 2 / 2009
Deutscher Caritasverband (Hg.)
Karlstr. 40, 79104 Freiburg