»Zusammenhalten – Zukunft gewinnen« - Betrachtungen zum Plakat der Interkulturellen Woche 2010

 

Vor uns sehen wir ein Bild, das Gemeinsamkeit zum Thema hat und dabei doch – gewollt oder nicht gewollt – all die Spannungen und Widersprüche sichtbar macht, die das Zusammenleben und das Getrenntleben, die Gemeinsamkeit und die Differenzen, die programmatisch betonte Toleranz und das faktische Missverstehen zwischen den Menschen in unserem Land mit sich bringen. Sie kommen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Ethnien, bekennen sich zu vielgestaltigen Religionen, Kulturen und Wertesystemen. Und sie teilen sich doch einen gemeinsamen Lebensraum.

Gemeinsamer Hintergrund des Bildes ist die Farbe Blau. Blau ist die Farbe des Himmels. Inbegriff menschlicher Sehnsucht nach Frieden, nach Erlösung. Schalom in einem umfassenden Sinn. Blau ist auch die Farbe, die dem Hellen und dem Dunklen gleich nah ist: Zeichen der Hoffnung und des Glücks und Farbe der Schuld und der Trauer. Der Himmel steht uns nicht einfach als Selbstverständlichkeit zur Verfügung. Er verlangt immer die sehnsuchtsvolle Suche durch die Realitäten des Lebens hindurch.

»Zusammenhalten« – dieses Wort gehört zu seinen Schriftanteilen. Und dazu gehört der Bildteil – die grafische Verfremdung eines menschlichen Auges.

Ein menschliches Auge. Der Augapfel in dem Bild ist in ein buntes Spektrum von Farben aufgeteilt. Es geht um die Vielfalt des Menschseins, um die Vielgestalt von Ethnien, Kulturen, religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen, sozialen Milieus und Orten der Herkunft und um persönliche Lebensgeschichten und Lebenseinsichten. Und es ist doch immer das eine Menschsein.

Ein menschliches Auge. Es geht auch um das Sehen. Es geht um ein Sehen mit den Augen weltoffener Vernunft, die sich vor der Vielfalt und den Differenzen menschlichen Lebens ebenso wenig verschließen kann wie vor der Notwendigkeit, eine gemeinsame Zukunft nur gemeinsam bewältigen zu können. Es geht aber auch um ein Sehen mit den Augen des Herzens. Es geht um ein Sehen, das jenseits aller Strukturen und Probleme den Menschen sieht, den einzelnen Menschen, das Du – bunt und vielfältig.

Die Vielfalt ist das eine. Sie zu sehen, wahrzunehmen, ernst zu nehmen, zu bejahen – das ist die grundlegende Voraussetzung für ein friedvolles Zusammensein. Was aber macht aus dem Miteinander in Vielfalt – was ja schon sehr viel wäre – etwas Gemeinsames? Was schafft den Zusammenhalt? Was ist das Zentrum, das der Vielfalt eine innere Mitte gibt?

Unser Bild gibt auf diese Frage in doppelter Hinsicht eine Antwort. Es ist zum einen die Form des Auges, die sich um die Vielfarbigkeit herum schließt und ihr Begrenzung und Halt gibt. Das Auge bedeutet Sehen. Es steht aber auch für die Offenheit der Sinne insgesamt: für das Sehen, das Hören, das Fühlen, das Verstehen …

Es ist zum anderen die Pupille, das Zentrum, der Ausgangspunkt und der Brennpunkt des Sehens (und in verwandter Weise auch des Hörens, des Fühlens, des Verstehens…). Dieses Zentrum ist weiß, hell und offen. Weiß ist auch die Summe aller Farben. Im Zentrum unseres Sehens ist zum einen die Offenheit, unvoreingenommen aufzunehmen, was sich unserem Sehen darbietet. Im Zentrum unseres Sehens ist aber auch die Fülle alles dessen, was das Leben an Farben und Möglichkeiten darbietet. Das Weiße im Licht des Auges ist Bereitschaft für das unbekannte Kommende und Offenheit für die Vielfalt der Farben des gelebten Lebens gleichermaßen.

Offenheit, Sehen, Hören, Verstehen, Vielfalt annehmen, Gemeinsamkeit suchen, sich der Zukunft öffnen: das Bild spricht vieles an.

Es geht immer um das eine: um die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Dialog. Um eine vorbehaltslose Offenheit, die stärker ist als alle Ressentiments. Den Anderen so zu verstehen lernen, wie er sich selbst versteht; damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe. Das wäre das Ideal jedes menschlichen Schalom – jedes friedvollen Miteinanders zwischen einzelnen Menschen, zwischen Ethnien, zwischen Kulturen und Religionen.
Den Anderen so zu verstehen lernen, wie er sich selbst versteht; damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe – noch einmal: Das wäre das Wunder von Pfingsten – das Wunder des Heiligen Geistes, der nach biblischer Auskunft Menschen unterschiedlichster Herkunft und Sprache erfüllt und befähigt hat, einander in ihren vielfältigen und unterschiedlichen Sprachen zu verstehen. Dabei handelt es sich nicht so sehr um Sprache als philologisches Phänomen, als vielmehr um die Sprache des Herzens, der Liebe, der gelebten Mitmenschlichkeit.

Ob sich damit »Zukunft gewinnen« lässt – im Sinne einer Rendite für erbrachte Investitionen? Man weiß es nicht. Zukunft lässt sich nie berechnen oder gar erzwingen. Besonders dort, wo es sich um ein Wachsen im menschlichen Miteinander handelt. Aber Zukunft kann sich dort als Chance eröffnen, wo die Bereitschaft zum Sehen, zum Hören, zum gemeinsamen Leben besteht und die trennenden Vorbehalte in den Schatten stellt.

 
Materialheft:
Gliederung 2010
Schlagworte:
Autor:
Dr. Thomas Broch
Weitere Informationen:

Dr. Thomas Broch ist Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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