Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD, und der katholische Hildesheimer Bischof Norbert Trelle, stellvertretender Vorsitzender der DBK, besuchen syrische Flüchtlinge in Jordanien

 

4.11.2013: "Ich habe großen Respekt vor den Menschen in Jordanien", sagt der EKD-Ratsvorsitzende Schneider mehrfach an diesem Tag. Angesichts der Aufnahmebereitschaft des Nachbarn sei das von Deutschland geplante Kontingent für 5.000 Syrer eine "sehr kleinmütige Hilfe". "Man sollte die Zahl zumindest verdoppeln", so Bischof Trelle, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
 

Gesang, Lachen, kindliche Freude:
Nur auf den zweiten Blick lässt sich im nordjordanischen Flüchtlingslager Al Husni erkennen, dass der Eindruck unbekümmert spielender Mädchen und Jungen trügt. Zusammen mit anderen steht Mohammed an einem Tisch in der Mitte des bunt geschmückten Zeltes. Der Zwölfjährige malt: ein sechsstöckiges Haus, Menschen darin, die syrischen Nationalfarben Rot, Weiß, Schwarz und Grün. Links oben trifft eine Rakete das Gebäude. Sieben Cousins von ihm seien bei dem Angriff getötet worden, berichtet er.

Seit einem Jahr lebt Mohammed im nördlichen Nachbarstaat des Bürgerkriegslandes Syrien. Eines Tages wolle er wieder in seine Heimat im südlichen Syrien zurückkehren, sagt er, strahlt über das ganze Gesicht und schenkt sein Bild Nikolaus Schneider. Dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ist der Zwiespalt anzusehen. Der Gegensatz des mit erkennbarem Stolz lachenden Jungen und seiner im Bild dokumentierten Erlebnisse - "Das hat mich sehr bewegt", berichtet Schneider wenig später.

Gemeinsam mit dem katholischen Hildesheimer Bischof Norbert Trelle, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ist Schneider für zwei Tage nach Jordanien gekommen, um sich anzuschauen, wie syrische Flüchtlinge dort leben. "Wir müssen uns in die Augen schauen, wenn wir den Menschen helfen", sagt der oberste Repräsentant der protestantischen Christen in Deutschland. Nur Geld zu geben, das schaffe Distanz. Und Trelle ergänzt: "Christliche Nächstenliebe kann keine Liebe auf Distanz sein."

Insbesondere die Arbeit der kirchlichen Organisationen Caritas International und Diakonie Katastrophenhilfe interessiert die Geistlichen. In Al Husni sind beide aktiv. Caritas Jordanien unterhält eine Anlaufstelle, in der Flüchtlinge registriert, medizinisch versorgt und an Bedürftige Hilfsgüter und Warengutscheine ausgegeben werden. Der Diakonie-Partner Department of Services for Palestinian Refugees (DSPR) konzentriert sich auf Hilfen für Frauen und Kinder in dem Camp, das 1967 zunächst für Palästinenser errichtet wurde. Heute leben 25 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt unter den 30.000 Palästinensern etwa 400 syrische Familien.

Mehr als eine halbe Million Syrer haben in dem selbst nur 6,5 Millionen Menschen zählenden Jordanien Schutz gefunden. Die meisten leben nicht in Lagern, sondern sind bei Verwandten untergekommen, in selbst angemieteten Wohnungen und manche bei Fremden, die selbstlos Platz in ihren Häusern machen. Insgesamt etwa 2,6 Millionen Menschen haben seit Beginn des Syrien-Konfliktes ihre Heimat verlassen und sind vor allem in die Nachbarländer geflohen.

"Ich habe großen Respekt vor den Menschen in Jordanien", sagt der EKD-Ratsvorsitzende Schneider mehrfach an diesem Tag. Angesichts der Aufnahmebereitschaft des Nachbarn sei das von Deutschland geplante Kontingent für 5.000 Syrer eine "sehr kleinmütige Hilfe". "Man sollte die Zahl zumindest verdoppeln", sagt Bischof Trelle.

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, hofft zudem darauf, dass die Deutschen noch mehr für die Flüchtlinge in der Region tun. Die Bereitschaft , für die Syrer Geld zu spenden, sei im "Vergleich zu andern Krisen erschreckend gering". Offenbar befürchteten viele angesichts des unüberschaubaren Konflikts, dass Hilfe in falsche Kanäle fließt: "Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun."

Seit Beginn des Konflikts 2011 hat die Diakonie Katastrophenhilfe 7,3 Millionen Euro in der Flüchtlingshilfe eingesetzt. Mit dem großteils von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Geld wurde knapp 400.000 Menschen in der Region geholfen.

Nach nicht einmal zwei Stunden heißt es für die Besucher aus Deutschland schon wieder Abschiednehmen von Mohammed und den anderen Mädchen und Jungen. Da haben die syrischen Kinder ihre anfängliche Scheu vor den christlichen Geistlichen Schneider und Trelle längst abgelegt. Bevor es in den Bus und zur nächsten Station der Reise geht, wird noch einmal gemalt: Beide bekommen mit Schminke ein dickes Herz ins Gesicht. (epd)