So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen - Predigt zu Epheser 2,19

 
Das Motiv "Schubladendenken" ist als Postkarte zur IKW 2016 erhältlich.

Liebe Gemeinde,

ich selbst stamme aus dem Iran und lebe seit einigen Jahren in Deutschland und begleite ehrenamtlich Flüchtlinge, die zu uns kommen. Ich weiß, wie Menschen sich fühlen, die neu in dieses Land kommen und die ihre Heimat und ihre Familie verlassen müssen.

In Deutschland heimisch zu werden, war auch für mich ein langer Prozess, der genau genommen bis heute anhält. Ein Mensch, der flieht, tut dies, um sein Leben zu retten. Dabei spielt der Glaube in allem eine wichtige Rolle: in dem Aufbringen der Kraft, die man für die Flucht braucht, in der Unsicherheit auf dem Weg und beim Ankommen in einem neuen Land.

Im Fall der Flüchtlinge aus dem Iran ist der Glaube nicht selten auch der Grund dafür, warum sie ihre Heimat verlassen müssen. Am Anfang steht bei vielen nicht selten die Sehnsucht nach einem Glauben an Gott, der einem Ruhe, Frieden und Freiheit schenkt. Diese Sehnsucht nach einer Alternative führt viele in einen Konflikt mit der staatlichen Doktrin des Iran, die keine Religionsfreiheit zulässt. Wer seine Religion wechseln möchte, begibt sich in Gefahr. Von einem jungen Mann und seiner Frau, die genau dieses erlebten, möchte ich hier erzählen.

Ich begegnete dem jungen Paar zum ersten Mal bei einem Taufkurs, bei dem ich für sie in einer Kirchengemeinde dolmetschte.

Er war im Iran IT-Spezialist und sie ging einem kreativen Beruf nach. Sie waren mit Christen in Kontakt gekommen, die ihren Glauben im Verborgenen lebten. Bald waren beide in Gefahr und entschlossen sich, das Land zu verlassen. Mit einem Visum für Europa konnten sie tatsächlich unbeschadet die Flughafenkontrollen passieren. Der Moment, als das Flugzeug dann abhob, war für sie unbeschreiblich. Ihr ganzes Leben ließen sie hinter sich, auch all das Schöne dieses Lebens. Wann würden sie ihre Familie wiedersehen? Und was würde sie dort in Europa erwarten? Bei seinem Aufbruch dachte der junge Mann an Gott, der einen Weg für sie finden würde. Das gab ihm Hoffnung.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Ihre Hoffnungen setzen sie aber auch auf das Land ihrer Wahl. Sie wollten nach Deutschland. Als sie ankamen, war ihre Enttäuschung groß. Sie wurden in einem Container untergebracht mit hunderten von anderen Flüchtlingen verschiedenster Herkunft. Jeder Tag in diesem Lager war angefüllt mit Spannungen und Stress. Sie konnten kaum Schlaf finden, mussten sich an das Essen gewöhnen und hatten kein Geld zur Verfügung. Kontakt mit Deutschen hatten sie kaum. Von einem Mitbewohner erfuhren sie von einem Taufkurs. So kamen sie in einen Kreis von Menschen, denen es ähnlich erging wie ihnen. Alle hatten ihre Heimat verlassen müssen. Alle hatten die Sehnsucht, mit ihrer Seele bei Gott Ruhe und Frieden zu finden Die Zusammenkünfte in der Kirche waren in dieser Zeit wie ein Anker in aller Unsicherheit. Es tat ihnen gut, hier einfach freundlich angesehen und begrüßt zu werden.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Ihr Leben hatte an Stabilität gewonnen. Sie waren in eine bessere Unterkunft gekommen, konnten endlich wieder durchschlafen und besuchten regelmäßig die Kirche. Aber dann teilte ihnen die Behörde in einem Schreiben mit, dass sie Deutschland zu verlassen hätten. Deutschland wollte sie nicht! Und fast zur selben Zeit stellte die junge Frau fest, dass sie schwanger war. Wie sollte sie nun ein Kind auf die Welt bringen, in der sie selbst keine Heimat mehr hatte? Am Ende durfte das Paar bleiben. Die Menschen, die sie in der Kirche kennengelernt hatten, standen ihnen in dieser Zeit bei.

Es gibt Momente, in denen ich mich sehr ohnmächtig fühle. Ich stehe mit dem jungen Paar auf der Behörde und spreche mit den Beamten und ich weiß, ich habe nichts in der Hand, meine Hände sind leer. Was kann ich noch ausrichten? Das Einzige, was mir dann hilft, ist der Glaube an Gott, dass wir als seine Kinder nicht aus seiner guten Hand fallen und dass er irgendeinen Weg noch auftun wird. Meinem Leben gibt es Sinn, wenn ich spüre, dass ich Teil einer solchen guten Geschichte bin, die Gott mit den Menschen auch durch die Ohnmacht hindurch geht.

Als das junge Paar dann ein Kind bekam und ich im Krankenhaus übersetzen durfte … Das kann ich kaum mit Worten beschreiben! Das war ein besonderer Moment. Ein Kind wird geboren, ein neues Leben, eine neue Hoffnung. In einem Meer von Sorgen auf einmal so eine Kraft des Lebens! Gott sei gedankt!

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Dieser Satz aus dem Epheserbrief verkündet uns die gute Nachricht, dass Gott selbst uns eine Heimat sein will. In seiner Nähe, im Gebet, können wir Geborgenheit empfinden. Dieses Gefühl von Geborgenheit in der Welt brauchen Menschen, die fliehen genauso wie Menschen, die nie ihre Heimat verlassen mussten.

Aber Gott erinnert uns auch daran, dass wir als Menschen alle ein Recht haben, in dieser Welt zu leben – ein Recht auf unversehrtes Leben, auf Nahrung und Kleidung. Dazu gehört auch das Recht darauf, unsere Gaben und Fähigkeiten entwickeln und ohne Angst vor Strafen, unsere Meinungen und Gedanken ausdrücken zu dürfen. Wir erleben, dass nicht alle Menschen in allen Ländern dieses Recht haben. Menschen fliehen, weil ihnen die Grundlagen ihrer Existenz genommen werden, zum Teil auch, weil reiche Länder nicht gerecht mit ihnen umgehen. Es sind Menschen, die jede Perspektive verloren haben. Sie wissen nicht, wie sie in der Zukunft ihre Kinder ernähren oder gar in die Schule schicken können. Und Menschen fliehen, weil sie in ihren Ländern verfolgt werden, wenn sie sagen, was sie fühlen und denken. Und es gibt andere Länder, die wie Deutschland bereit sind, sie aufzunehmen. Ich hoffe, dass diese Bereitschaft anhalten wird, weil es für viele einfach die einzige Chance auf Leben ist.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Damals in der Zeit der ersten Christen waren die Christen mit einem heidnischen Hintergrund Fremdlinge. Sie wurden als weniger wert betrachtet. Der biblische Vers sagt, es gibt keinen Unterschied. Egal woher eine oder einer kommt oder welchen Hintergrund sie oder er hat, alle haben vollen Anteil am Heil des Glaubens.

Wenn Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, in unsere Gemeinden kommen, dann ist es wichtig, ihnen zu helfen und ihnen beizustehen. Aber viel wichtiger ist, sie als Christen mit einer eigenen Glaubensgeschichte anzunehmen und zu respektieren. Sie haben vieles zu berichten, was uns alle in unserem Glauben stärken kann. Es kann auch eine Chance für unsere Gemeinden sein, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, sich mit ihren Fähigkeiten und ihrer anderen kulturellen Mentalität einzubringen. Meine persönliche Vision ist es, dass wir dadurch gemeinsam reicher und vielfältiger werden. Kirchengemeinden können Orte der Heimat werden für alle. Gott schenke uns für diesen Weg seinen Segen und seine Kraft.

Amen.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Autor:
Dr. Reza Sadeghi
Weitere Informationen:

Ali Reza Sadeghi ist Prädikant in Ausbildung in der Frohbotschaftskirche Hamburg-Dulsberg.

Die hier abgedruckte Predigt von Ali Reza Sadeghi sowie die Liturgischen Bausteine auf Seite 48 sind dieser Broschüre entnommen. Alle Texte dieser Broschüre können Sie abrufen unter: www.nordkirche-weltweit.de/politisches-handeln/theologie-nachhaltigkeit/....

Kontakt: a.freudenberg@nordkirche-weltweit.de oder d.gerstner@nordkirche-weltweit.de