Fürchtet Euch nicht! - Vorschlag für einen Gottesdienst im Rahmen der Interkulturellen Woche 2017

 
Das Motiv "Du und ich" - Postkarte für die IKW 2017, Gestaltung: Ballhaus West, Berlin

Es ist ein Klassiker, der eigentlich in die Weihnachtszeit gehört und deshalb während der Interkulturellen Woche äußerst selten vorkommt: die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium. Sie ist vielen Menschen vertraut. Mir selbst geht es oft so mit Texten, die ich allzu gut kenne, dass ich dabei Einzelheiten gar nicht mehr richtig wahrnehme. Und trotzdem, gerade im Jahr 2017, klingen mir ein paar dieser Worte so deutlich in den Ohren, als hätte ich sie zum ersten Mal gehört. Es sind die Worte »Fürchtet euch nicht!«.

»Fürchtet euch nicht!« ruft der Engel den Hirten über die Felder von Bethlehem zu. Das ist kein Zufall! Denn die Hirten stehen am Rand der Gesellschaft. Sie haben keinen guten Ruf in der Gesellschaft. Sie werden kaum respektiert. Nur für unqualifizierte Tätigkeiten wie das Hüten von Tierherden eignen sie sich. In einer Gesellschaft der Starken und Schönen ist für sie kein Platz. Und dann die Worte aus dem Nichts: »Fürchtet euch nicht!«

Sie fürchten sich aber sehr. Als ob es nicht schon genug Grund zum Fürchten gäbe, erscheint da plötzlich dieses helle Licht. So ist das manchmal im Leben, wenn es finster ist. Dann kann »leuchtende Klarheit« einen schon mal in Angst und Schrecken versetzen.

»Fürchtet Euch nicht« rufen die Engel jedes Jahr an Weihnachten. Überall im Land in den unzähligen Krippenspielen schallt ihr Ruf über unsere Köpfe. Er verbindet uns mit den Hirten. Ich habe gerade in diesem Superwahljahr 2017 sehr stark das Gefühl, in der Dunkelheit zu sitzen – und das hat nichts mit kurzen Wintertagen zu tun!

»Fürchtet euch nicht«, das müssen wir uns von den Kanzeln und Redepulten unserer Kirchen besonders deutlich sagen lassen angesichts von Terror und Gewalt, Bürgerkrieg und Elend.

Das Geschäft mit der Angst hat Hochkonjunktur. Menschen fühlen sich abgehängt, in ihrem Wohlstand bedroht. Fremd im eigenen Land, ausgegrenzt, ausgeschlossen, demokratiemüde. Da hat die Furcht leichtes Spiel.

Und die Angst scheint größer zu werden. Ja, ich habe das Gefühl, sie wächst mit jedem Versuch, ihr rational entgegenzutreten, mit klugen Argumenten, Zahlen, Statistiken. Ob wir tatsächlich im »postfaktischen« Zeitalter leben, sei dahingestellt. Aber die gefühlte Wahrheit, also das, was ich ganz subjektiv wahrnehme oder wahrnehmen möchte, hat heute eine große Bedeutung in den gesellschaftlichen Debatten. Und es fällt schwer, gegen gefühlte Wahrheiten anzudiskutieren.

Die Hirten von Bethlehem waren wahrscheinlich keine Anhänger des Postfaktischen. Sie sitzen in der echten Dunkelheit, erwarten nichts vom Leben. Und dann kommt der Ruf: Fürchtet euch nicht!

So banal diese Worte erst einmal klingen, so schön und Mut machend sind sie. Dabei war es nicht der Weihnachtsengel, der sie sich ausgedacht hat. Fürchtet euch nicht, das ist – wenn man so will – das Motto Gottes für die Menschen. Eine Überschrift über alles, was Gott mit den Menschen und für die Menschen will. Es durchzieht die ganze Bibel, im Alten wie im Neuen Testament. Mal sagen Engel diese Worte, mal die Propheten.

Wie auch der Prophet Jesaja: Erstmals aufgeschrieben wurden diese Worte in einer dunklen Zeit, als das Volk Israel im Exil in Babylon lebte. Das war 500 Jahre vor Christi Geburt und schon damals war der Nahe Osten alles andere als eine friedliche Gegend.

Israel war verunsichert: der Tempel in Jerusalem, das Zentrum des Glaubens, zerstört und zurückgelassen; das gesellschaftliche Gefüge außer Kraft gesetzt. Was schafft jetzt noch Zusammenhalt, was gibt Identität? Was zählt überhaupt noch? Ja, was bleibt?

Und genau in dieser Situation von Exil und Bedrängnis, Unsicherheit und Gewalt, ruft der Prophet im Namen Gottes: Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht angesichts der Fremden, mit denen ihr jetzt lebt, fernab der Heimat. Fürchtet euch nicht angesichts der großen Fragen nach Zukunft und Orientierung.

Fürchtet euch nicht! Mit diesen Worten nimmt Jesaja die Furcht ernst, er leugnet sie nicht. Furcht ist eine gegebene Tatsache in Gottes Welt. Und auch heute gibt es viele Gründe sich zu fürchten: Angst vor Krieg und Folter, vor Armut und Hunger, Angst vor Katastrophen, vor Streit in der Familie, Trennung und Krankheiten …

Wenn ich so drüber nachdenke, kann einem letztlich alles im Leben Angst machen. Aber in der Bibel wird die Angst erkannt und benannt.

»Fürchtet euch nicht« – das ist weder eine autoritäre Ermahnung, noch eine moralische Forderung. Wo immer diese Worte in der Bibel gesprochen werden, geschieht es zugewandt, voll Mit-Gefühl: »Fürchtet euch nicht, habt keine Angst. Ich bin bei euch!«

Es ist kein Zufall, dass auch der Engel von Bethlehem diese Worte ruft. Gerade hier, in dieser kalten, ungemütlichen Nacht, da Gottes Sohn geboren wird, muss das förmlich gesagt werden.

Denn dieses gottbegabte Kind, der Heiland selbst, der menschgewordene Gott wird in seinem irdischen Leben diese Worte »verkörpern«.

Wo immer Jesus auftritt, was immer er auch tun wird, es sind jedes Mal diese Worte, die in ihm Gestalt annehmen:

Er stillt den Sturm, heilt Kranke, Menschenmassen werden bei ihm satt – und sogar am Kreuz nimmt er dem Mitgekreuzigten die Angst.

Jesus ist die menschgewordene Zusage Gottes: »Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch bis zum Ende der Welt.«

Es ist keine Schande, Angst zu haben in dieser Welt. Aber in Jesus Christus »begegnet« Gott dieser Angst im wahrsten Sinne des Wortes. Und diese Begegnung hat Folgen, für die Hirten, für uns, für die Welt.

Angst ist ja erstaunlich resistent gegenüber allen sachlichen Argumenten. Dieses Gefühl ist so stark, ja manchmal sogar stärker als die Vernunft. Das einzige was dann – vielleicht – hilft, ist Begegnung. Wenn ich dem begegne, was mir in der Vorstellung alleine schon Angst macht, ist dies schon ein Weg, um die Angst zu überwinden. Das gilt im persönlichen Leben ebenso wie in unserer Vielfaltsgesellschaft.

Die Hirten fürchteten sich sehr, und sie machten sich trotzdem auf zum Stall! Was sie dort sahen, veränderte ihr Leben. Sie wurden die ersten, die von der Geburt des Gottessohnes erzählen werden. Sie haben den Mut aus der Begegnung hinausgetragen in die Welt.

Und wir, die wir uns vielleicht fürchten vor privaten Dingen, im Job, in der Schule, im Familienalltag oder vor der Terrorgefahr unserer Tage? Die wir uns fürchten vor dem politischen Säbelrasseln? Die wir uns einsetzen wollen für Verständigung und Miteinander in einer offenen Gesellschaft, die ganz selbstverständlich vielfältig ist und die von dieser Vielfalt lebt? Gott sagt: Fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch nicht, wenn euch euer Engagement Hasskommentare einbringt oder offene Anfeindungen. Wenn ihr im Alltag nicht wegschaut und euch immer noch empören könnt über die schleichende Abschaffung des Flüchtlingsschutzes in Europa. Wenn ihr euch einsetzt aus purer Mitmenschlichkeit. Zivilgesellschaft zum Anfassen. Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch, sagt Gott.

Und was ist schließlich mit denjenigen, die sich als »besorgte Bürger« geben und kritische Fragen stellen? Denen die Vielfalt der Kulturen, Religionen, Beziehungsformen in unserer Gesellschaft nicht geheuer ist? Die sich aus der Filterblase der Sozialen Medien nicht heraustrauen?

Auch hier gilt: Fürchtet euch nicht! Nehmt euch ein Beispiel an Gott. Begegnung überwindet die Angst! All die besorgten Bürger, die sich heute rassistisch äußern, Stimmung gegen ganze Bevölkerungsgruppen machen, sie haben keine Angst im eigentlichen Sinne. Sie geben vielmehr anderen Menschen Grund sich zu fürchten.

Dabei ist es eine grundlegende Einsicht gerade der Interkulturellen Woche: Wenn Menschen es schaffen, sich selbst zu überwinden und auf diejenigen zuzugehen, vor denen sie sich eigentlich fürchten – Flüchtlinge, Muslime, Menschen, die in irgendeiner Form vermeintlich »anders« sind als sie selbst – dann hat das Wunder von Bethlehem schon angefangen.

Die Interkulturelle Woche bietet dafür wunderbare Gelegenheiten. Seit über 40 Jahren lädt sie Menschen ein zur Begegnung. Denn diese Initiative ist entstanden aus der tiefen Überzeugung, dass Gefühle, Sorgen und Ängste am besten überwunden werden durch menschliche Begegnung. Wenn wir miteinander feiern, tanzen, kochen oder diskutieren, dann stellen wir immer wieder fest, dass der andere auch ein Mensch ist – mit ähnlichen Sorgen und Ängsten, mit dem Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.

Manchmal braucht es solche Klassiker wie die Weihnachtsgeschichte, um sich das in Erinnerung zu rufen. Gott kommt und wird Mensch, damit wir endlich auch menschlich werden. Mit dem Kind in der Krippe ist der Anfang schon gemacht. Und das nicht nur an Weihnachten!

Amen.

 

 

 

 

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Thorsten Leißer
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Pastor Thorsten Leißer ist stellvertretender Vorsitzender des ÖVA.

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