„Vielfalt verbindet.“ - Erntedank-Gottesdienst am 24. September 2017 in der Evang. -Luth. Kirchengemeinde Trautskirchen

 

Der Gottesdienst in der Laurentiuskirche stand unter dem Motto „Fürchtet Euch nicht!“. Familien aus der Ukraine, aus Syrien und aus Eritrea waren im Gottesdienst und gestalteten ihn mit. Sie berichteten über ihre Flucht und ihr Leben in Deutschland.
Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann griff in seiner Predigt den Ruf der Engel an die Hirten auf dem Feld auf und übersetzte ihn auf die heutige Zeit: Die Menschen in Deutschland brauchen sich nicht um ihre Zukunft zu ängstigen wegen der Flüchtlinge. Die Tapferen sollen sich nicht fürchten, wenn sie den „Hetzern an den Stammtischen“ widersprechen.

Das Team der Flüchtlingsarbeit um Lee Pheng Hadlich, Inge Stocker, Sylvia Crane und Gudrun Ruttmann-Völlinger gestaltete den Gottesdienst mit und hatte im Vorfeld bereits die Pfarrscheune für das „Interkulturelle Erntedankfest“ vorbereitet. Im Rahmen des Naturprojektes des Diakonievereins Trautskirchen hatten die Flüchtlinge Gemüsebeete in Buch angelegt und im Laufe des Sommers immer wieder geerntet. Vieles fand sich nun im reichhaltigen Buffet für die Gäste, angereichert durch arabische, kurdische, äthiopische und deutsche Spezialitäten. „Die Gastfreundschaft ist in allen Religionen und Kulturen grundlegend, damit aus Fremden Freunde werden“, so Pfarrer Dr. Ruttmann zum Abschluss einige Stunden später.

Ablauf des Gottesdienstes :

  • Jeder bekommt ein Schild aus Kreppband mit seinem/ihrem Namen
  • Orgelvorspiel

Wir beginnen im Namen Gottes, der die Welt erschaffen hat und mit den Menschen einen Bund geschlossen hat zum Erhalt seiner Schöpfung. Amen.

„Vielfalt verbindet“, so ist das Motto dieses Vormittags, den wir im Rahmen der „Interkulturellen Woche“ gestalten. Unser Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Marx und der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz Metropolit Augoustinos schreiben in ihrem Geleitwort: „Jeder Mensch ist mit einer gottgegebenen unveräußerlichen Würde ausgestattet. Sie gilt es zu achten, zu schützen und zu verteidigen…Wir bitten die vor Ort Verantwortlichen: … Machen Sie Mut zur Begegnung und zum Austausch, damit sich die Menschen in unserem Land besser kennen- und verstehen lernen. In der Begegnung wächst die Kraft, Ablehnung und Ausgrenzung zu überwinden.“ Dem wollen wir uns heute anschließen und wir begrüßen die Flüchtlinge, die Asylbewerber und alle mit Migrationshintergrund, das Team um Inge Stocker, Lee Pheng Hadlich und Gudrun Ruttmann-Völlinger und Sylvia Crane.

Ich wünsche uns einen gesegneten Gottesdienst.

  • Lied: Nr. 334 / Danke für diesen guten Morgen / Strophen 1-6
     
  • Wir beten: Guter Gott, wir sind zusammengekommen zum Gottesdienst der Interkulturellen Woche. Wir wollen Gemeinsames entdecken, Trennendes wahrnehmen und miteinander feiern. Und wir kommen zu Dir mit unseren Fragen und Sorgen. Wir bitten Dich: Lass Dich finden und öffne uns die Augen: Für die Größe des Kleinen, für die Helligkeit der Menschen, für die Würde des Verlorenen, für die Verheißung des Friedens. Du rufst uns zu: Fürchtet euch nicht – darauf vertrauen wir. Amen.

Die Gastfreundschaft ist ein Gebot durch alle Religionen und Kulturen hindurch. Wir nehmen unsere Tradition des Alten und des Neuen Bundes an diesem Tag auf:

Den Israeliten wurden für das Zusammenleben Gebote gegeben, so auch unmittelbar nach den 10 Geboten dieses:

„Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ (2. Mose 22,20)

So auch im 5. Buch Mose:„Gott, der Herr…schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleidung gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ (5. Mose 10,18.19)

  • Vorstellung eines Flüchtlings aus Äthiopien, der seit 2 Jahren bei uns lebt

Paulus schreibt in seinem Brief nach Rom: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.“ (Römer 12,13)

Und Petrus schreibt in seinem ersten Brief: „Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; … seid gastfrei untereinander ohne Murren.“ (1. Petrus 4,8.9)

Und die Hebräer werden ermahnt: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,1.2)

  • Vorstellung unserer Ukrainer, die seit anderthalb Jahren bei uns leben
     
  • Lied Nr. 464 / Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen / Strophen 1 - 4

Liebe Gemeinde, liebe interkulturelle Gäste,

seit Jahren schon begegnen wir Trautskirchener unseren Gästen. Meistens wohnen unsere Gäste dann in Markt Erlbach, in Bad Windsheim oder Obernzenn. Nur wenige Familien von Flüchtenden sind bei uns angekommen, weil unsere Busse und Geschäfte so selten sind. Aber wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, nicht nur willkommen zu heißen und zu versprechen, dass wir es schaffen, sondern auch die Folgen davon zu begleiten: Sprache üben, auch wenn kein Kurs mehr bezahlt wird. Die Welt in Deutschland, in Franken, in unseren Dörfern erklären, auch wenn mancher Migrant nur zweimal kommt und wir wieder von vorne anfangen müssen. Wenn einer abgeschoben wird, obwohl er eine Lehrstelle hatte. Wenn wir die Statistiken vergleichen: Äthiopien – nur geduldet, wenn überhaupt. Syrien – immer schwieriger, wenn ich über das falsche Land eingereist bin. Irak – da gibt es angeblich auch sichere Ecken. Ukraine – ist doch fast Europa. Afghanistan ein sicheres Herkunftsland.

Auch wenn nur noch 60% der Menschen in Deutschland Mitglied einer christlichen Kirche sind, so sind das doch fast 50 Millionen Menschen, die sich nach diesem nordpalästinischen galiläischen Zimmermannssohn benennen. Die damalige Verwaltungseinheit hieß auch „Syrien“, Quirinius soll der Statthalter gewesen sein, heißt es bei Lukas. Unterwegs geboren in Bethlehem, dann auf der Flucht mindestens zwei Jahre in Ägypten, dann wieder zurück in Nazareth. Der Sohn Gottes, wie wir ihn sehen, der Prophet Gottes, wie der Islam ihn sieht, bekommt Asyl in Afrika. Wie wäre die Geschichte der Welt verlaufen, wenn er zurückgeschickt worden wäre?

Die Wurzeln unser aller Religionen liegen im Nahen Osten und die Geschichten der Bibel können unsere Flüchtlinge vielleicht fast besser verstehen als wir. Wir haben nämlich keine Hirten mehr am Lagerfeuer, wir kennen Esel nur noch als Deko bei der Kindergartenweihnacht. Wir haben keine Fluchterfahrungen, wir kennen keine Lager in der Wüste. Und alles begann auf diesem Feld nahe dem Stall, als ein Engel die Hirten begrüßt mit dem Ruf: „Fürchtet euch nicht!“. „Fürchtet euch nicht!“, so beginnt die Geschichte mit dem Fremden – wann begegnet ein Hirte schon mal einem Engel? Ausgerechnet ein Hirte, der nicht lesen und schreiben kann, reich ist er nicht, gibt es etwas, was noch schlechter bezahlt ist?! Also unsere Schäfer im Dorf waren schon ein bisschen kauzig, wortkarg, ein bisschen unheimlich. So stelle ich mir diese Hirten auf dem Feld vor.

„Fürchtet euch nicht!“ – dabei ist die Furcht in Deutschland so ausgeprägt wie in wenigen anderen Ländern. „German Angst“ ist ein fester Begriff im Duden geworden. Dabei ist es noch nicht mal Todesangst, wie sie die Bombenopfer in Homs oder Damaskus empfinden. Dabei ist es noch nicht mal die Angst des Ertrinkens wie sie zig Tausend Menschen auf dem Mittelmeer allein in diesem Jahr empfunden haben. Nein, wir empfinden Angst, dass wir es nicht schaffen könnten mit den Flüchtlingen, Angst um die Arbeitsplätze, die kein Deutscher besetzen will oder kann, Angst um unser Sozialsystem, das so leistungsfähig ist wie kein zweites auf der Welt, Angst vor dem Unbekannten. Angst vor Terroranschlägen, die so anders sind als der RAF-Terror meiner Jugend, weil er wahllos tötet, bei Konzerten, in Supermärkten, auf Weihnachtsmärkten. Angst vor Männern, die übergriffig werden, die „Nein!“ nicht als „Nein!“ begreifen wollen.

Und es gibt diejenigen, die die Angst schüren – heute ist Bundestagswahl und ich brauche nicht benennen, wen ich meine. Die, die die Angst schüren, sind geistige Brandstifter und nicht selten werden sie auch zu richtigen Brandstiftern. „Fürchtet euch nicht!“ – damit die Furchtschürer keinen Erfolg haben, das ist vielleicht das Wichtigste: Dass ich mich selber nicht anstecken lasse von Nachrichten, die sich nach Tagen als falsch herausstellen, aber der Eindruck bleibt in mir. Es gehört auch für uns Mut dazu, zu widersprechen, wenn Unsinn in der Schlange im Supermarkt erzählt wird, wenn die Stammtische einfache Parolen rufen, wenn am Esstisch zu Hause dummes Zeug erzählt wird. „Fürchtet euch nicht!“ – gilt auch für uns: Den Mut aufzubringen, zu widersprehen.

„Fürchtet euch nicht!“ – das will ich unseren Asylbewerbern, unseren Flüchtlingen, unseren Freunden zurufen: Wir sind eine offene Gesellschaft, die ihr Möglichstes tut, damit Eure Kinder leben können, ohne Angst, mit Bildung – und vielleicht irgendwann die Chance haben, mit einem Beruf Euer altes Land wieder aufzubauen. Und „Fürchtet euch nicht!“ anderen entgegenzutreten, die den Terror schüren wollen gegen Menschen in diesem Land – Ihr versteht sie am besten, ihr sprecht die Sprache, ihr sitzt neben ihnen, wenn sie andere aufhetzen. Auch unsere Kinder wollen in Sicherheit aufwachsen und Ihr, die Ihr vor Terror geflohen seid, sollt Euch nicht fürchten, ihm auch hier entgegenzutreten.

„Fürchtet euch nicht!“ – es sind Worte der Engel, der Boten Gottes für die Menschen, die ihre Rede mit solchen Worten beginnen. Es scheint das Wichtigste zu sein: Dass ich keine Furcht empfinde, weil ich sonst die Botschaft nicht verstehe: Dass Gott die Menschen liebt, auch wenn sie Fehler machen; dass Gott nicht will, dass die Erde untergeht; dass wir Menschen seine Mitarbeiter sind, damit alle Menschen friedlich zusammenleben können; dass kein Mensch weniger wert ist als ein anderer, egal, welche Hautfarbe, egal, welche Sprache, egal welche Bildung und egal wo er lebt. Das ist die Botschaft Gottes für diese Welt, so würde ich das Alte Testament zusammenfassen, obwohl es Juden gibt, die das anders sehen. So würde ich die Bibel insgesamt zusammenfassen, obwohl es Christen gibt, die das anders sehen und so würde ich den Koran zusammenfassen, auch wenn es Moslems gibt, die das anders sehen. „Fürchtet euch nicht!“ – und natürlich gibt es die Furcht vor genau denen, die das anders sehen, aber auch diese Furcht können wir überwinden, indem wir der schweigenden Mehrheit eine Stimme geben und den Gewalt-Tätigen zeigen, dass wir lauter sind als sie.

„Fürchtet euch nicht!“ – ruft der Engel den Hirten zu, die nicht zur Elite gehören. „Fürchtet euch nicht!“ – ruft der Engel uns in Deutschland zu, die Angst haben vor der Zukunft. „Fürchtet euch nicht!“ – ruft der Engel den Tapferen unter uns zu, die den Hetzern widersprechen. Und „Fürchtet euch nicht!“ – ruft der Engel denen zu, die gerettet wurden vor dem Ertrinken, vor den Bomben und der Verfolgung: Gott als Gott des Lebens begleitet uns heute und alle Tage. Amen.

  • Lied Nr. 657 / Damit aus Fremden Freunde werden / Strophen 1 - 3
     
  • Vorstellung einer syrischen Familie, die seit 6 Monaten bei uns lebt
     
  • Lied Nr. 657 / Damit aus Fremden Freunde werden / Strophen 4 - 6

Fürbitten

Jede unserer Fürbitten verstärken wir gemeinsam mit dem Ruf: „Wir bitten Dich: erhöre uns!“. Lasst uns beten:

Gott, wir bitten dich für alle Menschen, die Opfer von Gewalt und Unrecht sind: Schenke Ihnen Mut dass sie nicht am Leben verzweifeln. Zu Dir kommen wir und rufen: Wir bitten Dich: erhöre uns!

Gott, wir bitten dich für die Helfer, die Menschen auf der Flucht vor dem Ertrinken und vor dem Tod retten: Stärke sie im Wissen, dass ein Menschenleben mehr zählt als alles andere. Zu Dir kommen wir und rufen: Wir bitten Dich: erhöre uns!

Gott wir bitten dich für die Politiker der Welt: Lenke ihren Sinn auf die Menschen und ihre Bedürfnisse, die über Geld, Herkunft oder Nation stehen. Zu Dir kommen wir und rufen: Wir bitten Dich: erhöre uns!

Gott, wir bitten Dich für die Gastgeber der Flüchtenden: Erfülle sie mit dem Sinn für Deine Gerechtigkeit, die alle Menschen umfasst. Zu Dir kommen wir und rufen: Wir bitten Dich: erhöre uns!

Gott, wir bitten Dich für uns alle: Schenke uns Langmut miteinander, dass wir die Geduld nicht verlieren, über Enttäuschungen hinweg. Zu Dir kommen wir und rufen: Wir bitten Dich: erhöre uns!

Amen.

  • Lied Nr. 503 / Geh aus mein Herz / Strophen 13 – 15

Und der Segen Gottes lege sich auf uns wie ein Mantel. Er behüte unsere Seelen vor dem allgegenwärtigen Hass und gebe uns Geborgenheit, damit wir einander Geborgenheit schenken. Der Segen Gottes richte uns auf, damit wir aufrecht füreinander einstehen. Er lasse die Worte immer in unsrem Ohr klingen: Fürchtet euch nicht! Friede sei mit Euch. Amen.

Wir laden alle – Flüchtlinge und Gemeindeglieder – herzlich ein zu unserem ganz speziellen Erntedank in der Pfarrscheune. Vieles haben unsere Flüchtlinge gekocht und vorbereitet, das Team und die Flüchtlinge selber. Nicht wenig stammt aus den Beeten, die die Flüchtlinge im Frühjahr in Buch angelegt haben und seither pflegten. Wir laden alle zu Essen, Trinken und Gesprächen ein!

 
Jahr:
2017
Autor:
Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann
Weitere Informationen:

Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann
E-Mail: pfarramt.trautskirchen@ehegrund.de
Tel. 09107 / 13 73 26