„Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (Genesis 12,3).

 
Predigt vom 12.03.17 – Pfarrer Hermann Ruttmann, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Trautskirchen
© Friederike Ekol

Liebe Gemeinde,

in den letzten anderthalb Jahren wurde viel über Integration geredet. Gemeint war, dass Menschen, die in unserem Land leben, sich einfügen müssen in die Gesellschaft. Das Ziel ist soweit unbestritten, aber das WIE ist zwischen den Beteiligten eher umstritten. Manche benutzen das Wort „Integration“ im Sinne von „Einfügen“ eher mit der Zielrichtung von „Assimilation“, von Anpassung. Einfügen oder Anpassen? Wenn ich von jemandem erwarte, dass er sich anpasst, dann soll er seine Tradition, seine Überlieferung, ablegen oder doch zumindest so unauffällig ausüben, dass es keiner merkt. Und an diesem Punkt der Diskussion verweise ich auf unsere Deutschstämmigen, die in den letzten Jahrhunderten Deutschland verlassen haben und sich in anderen Ländern niedergelassen haben.
Den Anfang machten Menschen aus der Luxemburger Gegend, aus dem Gebiet Rhein-Mosel: Sie gingen vor fast 900 Jahren nach Rumänien, nach Siebenbürgen – und sie bewahrten ihre Tradition, ihre Sprache, ihre Religion. Wie stolz waren wir doch irgendwie alle, dass sie genau damit erkennbar waren in Rumänien, egal, wer gerade über sie herrschte: Ob es der ungarische König war, der türkische Sultan oder der österreichische Kaiser. Die Siebenbürger prägten das Land, sie waren bestimmend beim Weinbau, in der Landwirtschaft, beim Aufbau eines Straßendorfes, beim Städtebau und natürlich dominierten ihre evangelischen Kirchen Städte wie Hermannstadt, Schäßburg oder Kronstadt – die anderen Bewohner des Landes waren ihre Knechte oder Leibeigene.
©mark_Fieber_Flickr.com/15342630172_b56bf829ac_z__Strada Cetății and a flower-box with the caption Sibiu and HermannstadtDie Siebenbürger Sachsen – „Sachsen“ wurden sie genannt, weil alle aus dem deutschsprachigen Raum im Osten als „Sachsen“ bezeichnet wurden – Die Siebenbürger Sachsen sind ein Beispiel, wie die Bewahrung der Überlieferung in Sprache, Religion und Kultur funktionieren kann – im Rahmen eines festen Gebietes. Und als vor 250 Jahren die deutsche Zarin von Russland ihre Landsleute an die Wolga einlud, um das Gebiet zu kolonialisieren, passierte fast dasselbe. Beide Experimente sind Geschichte, die Deutschstämmigen sind nun wieder in Deutschland. Viel hat mit der Diktatur des Völkischen zu tun, die Nazis haben die Deutschstämmigen dem Untergang geweiht und ihrer Unterdrückung Tür und Tor geöffnet – dass sich deren Nachfolger im völkischen Geiste heute hinstellen und unverdrossen wieder dieselben Sprüche absondern, zeugt von Dummheit und Geschichtsvergessenheit. Einfügen oder Anpassen – was verlangen wir mit unserem Hintergrund von denen, die nun in unseren Städten und Dörfern angekommen sind?
Schon mehrfach bin ich bei der Frage der Gastfreundschaft und des friedlichen Neben- und Miteinanders bei Abraham gelandet. Und beim nochmaligen Lesen der Geschichte bin ich auf den Abschluss gestoßen, den ich Euch bisher vorenthalten hatte.
Was bisher geschah: Abraham wird von Gott erwählt mit der Verheißung: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (Genesis 12,3). Diese Segensverheißung ist kein Selbstläufer und gerät oft in Gefahr: Mehrfach wird Sarah, die keine Kinder bekommen kann und die Halbschwester des Abraham ist, von ausländischen Herrschern beansprucht, Lot, den sie praktisch adoptiert hatten, trennt sich von der Familie, wird dann in einem Krieg von Abraham gerettet, lässt sich in Sodom nieder, wird letztlich mit seinen zwei Töchtern von Engeln gerettet, seine Frau stirbt – aber Lot wird zu einer einzigen Enttäuschung. Um doch noch zu einem Nachkommen zu kommen, bekommt Abraham mit Billigung seiner Sarah ein Kind mit deren Magd Hagar, Ismael, aber die Eifersucht der Sarah treibt die beiden in die Wüste, wo sie die Vorfahren der Araber werden. Sarah ist eine Frau mit starkem Profil: Sie ist hübsch, offensichtlich bis ins hohe Alter, sie ist eifersüchtig und sie lacht über die Verheißung Gottes, dass sie nochmal schwanger werden wird. Aber genau das passiert und ihr Sohn Isaak wächst mit ihnen auf. Isaak wird n20170409_152439_Kirche_Korfu_klein_FEicht geopfert, weil Gott keine Menschenopfer will zu einer Zeit, als rings um Israel noch Menschen für ihre Götter geopfert wurden. Die junge Familie lebt als Fremdling in dem Land, das später Palästina oder Israel oder Judäa heißen soll.
Melchisedek, der Priesterkönig von Jerusalem, der Priester Gottes, teilt mit Abraham Brot und Wein, Abimelech, der König der Philister, schließt mit Abraham einen Bund, der ihm erlaubt als Fremder im Land der Philister zu leben. „Und er war ein Fremdling in der Philister Land eine lange Zeit.“ (1. Mose 21,34) Nach der abgesagten Opferung Isaaks erneuert Gott sein Versprechen an Abraham: „Ich will dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. (1. Mose 22) Sarah stirbt und Abraham verhandelt mit den Einheimischen um eine Grabstelle und er erwirbt sie, obwohl sie sie ihm auch schenken würden, weil das Miteinander so fruchtbringend ist.     
Abraham wird damit ein Einwohner des Landes: „Ich bin ein Fremdling und Beisasse bei euch“, so leitet Abraham den Kauf ein und dann tut er kund, dass er ein Bestandteil des Landes sein möchte, in dem er lebt. Er begegnet dem Volk, das vor ihm da war, mit Respekt: „Da stand Abraham auf und verneigte sich vor dem Volk des Landes.“ Und das macht er im Lauf der Verhandlungen noch einmal. Die Einheimischen bei Abraham begegnen aber auch Abraham mit hohem Respekt: „Höre uns, lieber Herr! Du bist ein Fürst Gottes unter uns.“ Die Hetiter, die ja andere Götter hatten, versuchen gar nicht erst, ihn zu bekehren. Oder ihn sich anzupassen – sie akzeptieren ihn als Gast, als Mensch, der mit ihnen lebt und mit ihnen in Frieden die Gemeinschaft gestaltet. Die Hetiter fühlten sich geehrt, dass Abraham ein Grab erwarb und damit zeigt: Ich will hier wohnen bleiben mit meiner Familie. Ich will hier Altäre bauen und mich niederlassen. Und er begräbt seine Ehefrau Sarah im fremden Land, das a© Evangelische Kirche in Österreich; www.flickrcom 08_10_Reformation_SchmuggelbibelRamsau_epdUschmann_49Auch seins werden soll.
Abraham war alt und hochbetagt, und der HERR hatte ihn gesegnet allenthalben. Und er sprach zu dem ältesten Knecht seines Hauses, der allen seinen Gütern vorstand:  schwöre mir bei dem HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du meinem Sohn keine Frau nimmst von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen ich wohne, sondern dass du ziehst in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft und nimmst meinem Sohn Isaak dort eine Frau. Der Knecht sprach: Wie, wenn das Mädchen mir nicht folgen wollte in dies Land, soll ich dann deinen Sohn zurückbringen in jenes Land, von dem du ausgezogen bist? Abraham sprach zu ihm: Davor hüte dich, dass du meinen Sohn wieder dahin bringst! Der HERR, der Gott des Himmels, der mich von meines Vaters Hause genommen hat und von meiner Heimat, der mir zugesagt und mir auch geschworen hat: Dies Land will ich deinen Nachkommen geben –, der wird seinen Engel vor dir her senden, dass du meinem Sohn dort eine Frau nimmst. Wenn aber das Mädchen dir nicht folgen will, so bist du dieses Eides ledig. Nur bringe meinen Sohn nicht wieder dorthin! Da schwor der Knecht es ihm.
Ich muss gestehen, dass mich manches davon befremdet. Ein Mitbewohner meines Hauses in Obernburg war Türke, sprach perfekt Deutsch, 2. Generation, 3er BMW, wie das halt so üblich ist – und nach dem Urlaub in der Türkei bringt er eine Frau mit. Vermittelt, kein Wort Deutsch, Kopftuch, aus einem Dorf am Schwarzen Meer. Die Anweisung Abrahams an seinen Knecht kommt mir genauso vor: Man selber will nicht mehr zurück, aber man will als Volk mit seiner eigenen Kultur, seiner eigenen Sprache und seiner eigenen Religion nicht untergehen. Wie gehen wir heute mit so etwas um, was wir im Zeichen der Globalisierung, im Zeitalter der Liebesheirat und der Partnervermittlungen im Internet? Es gibt natürlich die Möglichkeit, sich moralisch darüber zu erheben, von Leitkultur und Schweinefleisch in Schulkantinen zu schwadronieren. Aber was wird der Effekt sein? Oder wir besinnen uns auf die Tradition des Abraham, der Siebenbürger und der Wolgadeutschen, der amerikanischen ©Damian Gadal_www.flickr_com_16127245843_674c5c2044_zOktoberfeste und der Lebensgestaltung in Germantown: Wir lassen Lebensentwürfe nebeneinander stehen, solange sie nicht verpflichtend werden. Solange ein Deutscher eine Türkin heiraten darf, aber nicht muss, solange eine Yesidin auch einen Deutschen, einen Christen heiraten darf und es ihr nicht verboten wird. Solange darf der Knecht Abrahams in den Osten aufbrechen und für den Sohn eine Frau suchen, die dieser nicht kennt, aber die aus seiner Verwandtschaft kommen wird.
„Der Herr wird seinen Engel vor dir her senden“ (24,7) ist die Vorhersage des Abraham an seinen Knecht und dieser wird die Worte wiederholen vor seinen Gastgebern im Herkunftsland des Abraham: „Der Herr, vor dem ich wandle, wird seinen Engel mit dir senden und Gnade zu deiner Reise geben.“ (24,40) Die Begleitung dieses Unterfangens durch den Engel Gottes ist einer der schönsten Taufsprüche geworden, die sich dreieinhalbtausend Jahre später noch Eltern wünschen für ihre Kleinen: Weil sie spüren, dass der Engel des Herrn, der die Reise eines Menschen begleitet, mehr ist, als nur ein Hirngespinst. Und so wie der Engel des Herrn den Knecht auf seiner Mission begleitete, so begleitet seither dieses Wort Abrahams die Menschen auf ihrem Weg. Ein Weg, dessen Ungewissheit so wie das Leben ist: Der Knecht rechnet schon damit, dass er keine Frau findet und wenn er sie findet, sie eventuell nicht mit will – aber er versucht es.
Er versucht es mit dem Wissen und der Verheißung des Abrahams, dass er nicht allein ist, sondern der Bote Gottes, der Engel, mit ihm ist und dass Gott ihm Gnade zu seiner Reise geben werde, die nicht ohne Risiko ist, wie das richtige Leben eben riskant ist. Eine Reise, die auch erfolglos bleiben kann, so wie nicht alles, was wir unternehmen, erfolgreich sein wird. Die Reise mit diesem für uns erst einmal fremden Anliegen wird begleitet von Gott und seinem Engel. Und das sollte uns genügend Zuversicht für die Reisen unseres Lebens geben, auch die fremden und für uns verstörenden Aufbrüche, zu denen wir nicht immer freiwillig kommen – aber die Begleitung Gottes und seines Engels wird bei uns sein.
Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unsere Vernunft, sei mit uns allen. Amen.

Zuletzt geändert am: 02.04.2017 um 19:03
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1. Foto: © Mark Fieber; www.flicker/com: 15342630172_b56bf829ac_z; Strada Cetății and a flower-box with the caption Sibiu and Hermannstadt
2. Foto: © Friederike Ekol
3. Foto: © Evangelische Kirche in Österreich; www.flickrcom: 08_10_Reformation_SchmuggelbibelRamsau_epdUschmann_49A
4. Foto: © Damian Gadal_www.flickr_com_16127245843_674c5c2044_z; Tradition

 
Jahr:
2017
Autor:
Pfarrer Hermann Ruttmann