Bücher aus aller Welt – eine literarische Weltreise in der Stadtbibliothek im Rahmen der 26. Reutlinger IKW

 

Fünf Reutlinger Bürger*innen mit Migrationsgeschichte haben am 27. September 2016 in der Stadtbibliothek im Rahmen der IKW Bücher von Autor*innen aus dem Land ihrer Herkunft vorgestellt. Viele interessierte Zuhö­rer*innen unternahmen mit den vier Referierenden literarische Kurztrips nach Russland, Chile, Australien, Afghanistan sowie Vietnam. Folgende Themen und Bücher standen im Mittelpunkt:

  • Zeiten und Kulturen übergreifende Fragen – Das Theaterstück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow
  • Flucht als Wiederholungsthema in der Geschichte – Isabel Allendes Roman „Von Liebe und Schatten“
  • Mythos vom australischen Outlaw – „Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang“ von Peter Carey
  • Freiheitsheld der alten persischen Literatur – Abu l-Qasim Firdausi: Das Buch der Könige
  • Zerstörerische Traumata eines heimgekehrten Soldaten – „Die Leiden des Krieges“ von Bao Ninh

Die Stadtbibliothek Reutlingen bietet unzählige weitere Möglichkeiten, sich über andere Länder und Kulturen zu informieren. Eine Zuhörerin nimmt sich im Vorbeigehen noch schnell den Roman „Alles zerfällt“ des nigerian­ischen Autors Chinua Achebes aus dem Regal. Unten im Erdgeschoss stecken einige Besucher bunte Fähnchen in eine große Weltkarte, die dort aus Anlass der Interkulturellen Woche aufgebaut ist, und markieren so das Land, aus dem sie stammen. Wir haben später nachge­zählt: es waren 220 Fähnchen, und 76 verschiedene Länder vertreten. Aus aller Welt sind Menschen nach Reutlingen gekommen – Vielfalt ist besser als Einfalt!

Zu den einzelnen Buchvorstellungen:

Zeiten und Kulturen übergreifende Fragen – Das Theaterstück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow

Das Stück „Drei Schwestern“ des russischen Schriftstellers ist vor 115 Jahren am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt worden und wird bis heute und auf der ganzen Welt immer wieder neu inszeniert. Im Stück müssen sich die drei Schwestern mit grundlegenden, existentiellen Fragen ausein­andersetzen: Wer bin ich? Warum ist alles in meinem Leben so und nicht anders?  „Und das sind die Fragen, die sich jeder Mensch stellt,“ betont Rita Zalts­man, „egal, in welchem Land er geboren wurde, wo er seine Kindheit, seine Jugend oder sein Leben als Erwachsener verbracht hat, egal, welche Staatsbürgerschaft er hat.“ Das  Stück thematisiert, was alle Menschen verbindet, und führt vor, was sie im Lauf ihres Lebens immer wieder ergründen müssen. Hierin sieht Rita Zaltsman seine Aktualität und interkulturelle Relevanz begründet.

Zu Rita Zaltsman: Die Referentin Rita Zaltsman stammt aus Odessa (heute: Ukraine). Nach ihrem Anglistik-Studium in Moskau kam sie 1995 nach Reut­lingen. Sie arbeitet als Englischlehrerin und ist nebenbei tätig im sozialen Bereich; 2008 hat sie das „Institut für Interkulturelle Kompetenz“ in Reutlingen gegründet, in dessen Auftrag sie verschiedene EU-Projekte organisiert.

Flucht als Wiederholungsthema in der Geschichte – Isabel Allendes Roman „Von Liebe und Schatten“

Als der Roman 1984 von der chilenischen Exilschrift­stellerin Isabel Allende veröffentlicht wurde, lebte die Referentin Maria Tereza Urzúa Billian  bereits seit neun Jahren in Deutschland. Denn sie hatte nach dem Putsch Pinochets ihr Land verlassen müssen. „Diese Erzählung brachte mich wieder sehr nah an das Leid des damaligen Chile.“, erklärt sie und liest eine Passage aus dem Roman in ihrer Muttersprache Spanisch. Ihre Freundin Inge Greineck trägt die Übersetzung ins Deutsche vor. Allende schildert eine dramatische Liebesge­schichte. Und sie beschreibt, wie das Leben der Menschen durch eine Diktatur verändert, erschwert wird – bis nur die Flucht aus der Heimat als Ausweg erscheint: „Ich habe mir gedacht“, sagt Maria Teresa Urzúa Billian, „dass in den heutigen Tagen das Thema Flüchtlinge diesen Roman aktueller denn je macht.“
Zu Maria Teresa Urzúa Billian: Sie wurde 1944 in Chile geboren und lebt bereits seit vierzig Jahren in Reutlingen. Fast drei Jahrzehnte arbeitete sie als Dozentin für Spanisch in der Region, und auch heute noch unterrichtet Maria Teresa Urzéa Billian Spanisch an der Volkshochschule Reutlingen. Außerdem engagiert sie sich für Flüchtlinge in einem Reutlinger Asyl-Café.

Mythos vom australischen Outlaw – „Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang“ von Peter Carey

Der Roman von Peter Carey, einem der bekanntesten Autoren Australiens, ist 2002 erschienen. Ned Kelly ist ein berüchtigter Räuber und Mörder, seine kriminelle Kar­riere hatte bereits ihren Anfang genommen, als er 14 Jahre alt war. Zugleich, betont Elizabeth Friedmann, gilt er in Australien als Robin Hood des Outback. Erzählt wird in Form eines Lebensberichts, den der zum Tod verurteilte Bushranger für seine Tochter verfasst, bevor er in Melbourne gehängt wird. Elizabeth Friedmann liest eine Passage auf Englisch, dann auf Deutsch vor. „Peter Carey hat versucht, der Sprache des Banditen in seinem Buch möglichst nahe zu kommen. Das kann in der deutsche Übersetzung leider nicht exakt wiedergegeben werden.“
Zu Elizabeth Friedmann: Sie wurde 1967 bei Wagga-Wagga in Australien geboren. Sie hat englische Literatur und Geschichte auf Lehramt in Sydney studiert. Mit 27 Jahren kam sie nach Europa, um Sprachen zu lernen und um die Welt zu entdecken – und blieb in Deutschland. Sie arbeitete früher als Englisch­lehrerin und lehrt heute im Fachbereich Anglistik an der Universi­tät Tübi­ngen. Seit einigen Jahren lebt Elizabeth Fried­mann in Reutlingen. Sie liest nicht nur gerne, sondern schreibt auch eigene Texte.

Freiheitsheld der alten persischen Literatur – Abu l-Qasim Firdausi: Das Buch der Könige

Für seine Buchvorstellung hat er das Werk eines Autors ausgesucht, der zu den „vier Säulen“ der alten persischen Litera­tur zählt: „Das Buch der Könige“ von Abū l-Qāsim Firdausi. Hieraus liest der junge Afghane die Erzählung von Rus­tam, der ohne zu wissen, wen er vor sich hat, seinen Sohn Sohrab im Zweikampf tötet. „Es ist“, sagt Sarabi, „eine der tragischsten Geschichten aus dem Buch von Firdausi.“ Er liest sie im Original vor, und das Publikum ist gebannt vom fremdartigen Klang der Sprache. Dann trägt Tanja Schleyerbach, Mitarbeiterin der Stadtbiblio­thek Reutlingen, die deutsche Übersetzung vor. Rustam gelte, so Farzad Sarabi, im arabischen Kulturraum als Freiheitsheld: „Er wird bewundert dafür, dass er sich nicht versklaven lässt und auch selbst niemanden versklavt.“
Zu Farzad Sarabi: Er wurde 1988 in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, geboren. Wegen des Bürgerkriegs zog er mit seiner Familie nach Pakistan. 2007 kehrte er nach Afghanistan zurück und war nach Abschluss seiner Schul­ausbildung an einer Privatschule als Persisch-Lehrer und als Dolmetscher für Französisch, Englisch und Dari an der Militär­-Universität tätig. 2012 entschloss er sich, nach Deutsch­land auszu­reisen, wo sein Asylantrag 2013 anerkannt wurde. Derzeit besucht er das Abendgymnasium.

Zerstörerische Traumata eines heimgekehrten Soldaten – „Die Leiden des Krieges“ von Bao Ninh

Der Antikriegsklassiker erschien 1991 in Hanoi und löste, so Laon Truong, eine neue Ära in der Literaturszene Vietnams aus. Später wurde er verboten, erst 2004 kam er erneut heraus. „Im Gegensatz zur bis­herigen Ver­herrlichung des vietnamesischen Befreiungskampfs in pathetischen Heldenge­schich­ten bein­haltet das Buch eine schonungslose Darstellung der verheerenden Folgen des Krie­ges“, erklärt die Vietnamesin ihren Zuhörern. Es sind autobiografische Erfahrungen, die Bao Ninh in seinem Roman verarbeitet hat: Mit 17 Jahren hatte er sich der „Glorreichen 27. Jugend­bri­gade“ angeschlossen. Am Beispiel des Soldaten Kien, der schwer traumatisiert aus dem Krieg heimkehrt und dem es nicht gelingt, in der Nachkriegsgesellschaft Hanois Fuß zu fassen, zeigt der Autor, dass die Leiden des Krieges auch dann nicht aufhören, wenn die Kämpfe längst beendet sind: „Im Kopf des Protagonisten geht der Krieg weiter.“
Zu Loan Truong: Sie wurde 1985 im Mekong-Delta, Vietnam, geboren. Als Vierjährige kam sie nach Baden-Württemberg, 2008 zog sie nach Reutlingen. Von Beruf ist Loan Truong Juristin, in ihrer Freizeit jedoch verfolgt sie literarische Ambi­tionen, schreibt  lyrische Texte.

Zusätzliche Bilder
Elizabeth Friedmann
Loan Truong
Rita Zaltsman
Maria Teresa Urzúa Billian
Farzad Sarabi
 
Jahr:
2017
Weitere Informationen:

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Ute Bruckinger
Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit
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